Migranten
Der besondere Klang der Freiheit
Freiheit - dieses Wort hat für den Buchholzer Tien Hoang Manh einen besonderen Klang. Er kennt das Gegenteil nur zu gut, hat als junger Mann in Nordvietnam lange genug Unfreiheit erleben müssen. Gespannt verfolgte er deshalb in den 80er-Jahren die Freiheitsbestrebungen der DDR-Bürger.
Buchholz. Der friedliche Protest der Ostdeutschen faszinierte den Mann, der selbst in einem geteilten Land aufgewachsen war, so sehr, dass es ihn schließlich nach Europa lockte. Auf die Freiheit musste er allerdings noch eine ganze Zeit warten. Zunächst konnte er nur als Gastarbeiter aus dem kommunistischen Nordvietnam in ein "Bruderland", und zwar in die damals noch kommunistische Tschechoslowakei, reisen. Tien Hoang Manh kam mitten hinein in eine Zeit des Aufbruchs und Umbruchs. Als sich der "Eiserne Vorhang" hob und am 9. November 1989 die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland geöffnet wurde, stand für ihn fest: "Jetzt gehen wir rüber!" Am 1. Januar 1993 ging die Tschechoslowakei in den beiden neuen Staaten Tschechien und Slowakei auf. Da hatte er schon längst sein Ziel erreicht: Das Nachbarland, das ehemals geteilte Deutschland, war die neue Heimat für ihn und seine Frau geworden, die er in der Tschechoslowakei kennen gelernt hatte.
Der junge Fabrikfacharbeiter und seine Frau fanden im Landkreis Harburg eine neue Heimat, bauten sich hier eine Existenz auf, gründeten hier auch eine Familie und bekamen zwei Kinder. Der Sohn ist inzwischen 17, die Tochter 14 Jahre alt. Die beiden lernten gut, seien fleißig und vernünftig, freut sich der Vater: "Meine Frau und ich wollten immer, dass unsere Kinder etwas lernen, damit sie eine gute Zukunft haben", sagt Tien Hoang Manh. Der Grundstein dafür ist gelegt: Beide Kinder besuchen das Buchholzer Gymnasium am Kattenberge (GaK), berichtet der stolze Vater. "Wir selbst hatten kaum Zeit zu lernen, wir mussten Geld verdienen", fügt der Mann, der am Rathausplatz in Buchholz ein bekanntes Asia-Geschäft betreibt, mit leichtem Bedauern hinzu.
Trotzdem ist er zufrieden und dankbar, dass er in Deutschland leben und arbeiten darf. Dieses Land sei jetzt seine und die Heimat seiner Familie, betont Tien Hoang Manh. Trotzdem will er seine Wurzeln und seine Herkunft nicht verleugnen. So ergehe es auch seinen in der Umgebung lebenden Landsleuten, weiß er. Deshalb habe er 1998 in Tostedt damit begonnen, für den ganzen Landkreis ein vietnamesisches Neujahrsfest mit Tanz, Musik und Theater zu organisieren und ein klassisches vietnamesisches Laternenfest für Kinder - "um unsere Kultur auch für unsere Kinder lebendig zu erhalten", wie er sagt.
Weil diese Veranstaltungen nicht nur bei seinen ehemaligen Landsleuten, sondern auch bei deutschen Mitbürgern gut ankamen, hieß es "Mach’ weiter!", berichtet Tien Hoang Manh, der für die Kinder und Kindeskinder seiner Generation gern auch Vietnamesisch-Unterricht vermitteln würde. Den ersten Heimaturlaub in Nordvietnam konnte sich Tien Hoang Manh mit seiner Familie im Sommer 2000 leisten. Für seine in Deutschland geborenen Kinder sei der Besuch in Hanoi und Umgebung "wie eine Reise zum Mars" gewesen, schildert er deren damalige Eindrücke. Auch deshalb habe er sich darin bestätigt gesehen, die Erinnerung an die alte Heimat, an den früheren Kulturkreis wach zu halten.
Genug zu tun gebe es allemal, sagt der Mann, der auch Vorsitzender des vietnamesischen Vereins im Landkreis ist, denn für das nächste Jahr sei ein großer vietnamesischer Kulturabend geplant. Unterstützt wird er dabei auch von seinem Stellvertreter, Tuan Hoang. Beide verbindet ein ähnliches Schicksal. Getroffen haben sie sich aber erst in Deutschland.
