Mein erstes Auto
Nicht schön - aber sehr eigenwillig
Manchmal verhält es sich mit Autos wie mit der Liebe: Was wirklich zählt, sind innere Werte. Davon hat auch der Renault 4 profitiert. Nie galt er als automobile Schönheit, trotzdem begeisterte er über drei Jahrzehnte Studenten, Handwerker, Familien - und Kreisjägermeister Norbert Leben. Selbst Fernsehstars fuhren einst den Kasten auf vier Rädern.
Schätzendorf. Norbert Lebens Liebe zum R4 begann quasi mit der Liebe zu seiner Ehefrau Elke, denn die brachte den Kleinwagen mit in die Ehe. Das war 1971, genau zehn Jahre, nachdem das eckige Gefährt bei der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden war. Die Redakteure des Fachmagazins "auto, motor und sport" prophezeiten dem Fünftürer jedoch keine große Zukunft: "Dieses Auto wird sich in Deutschland niemals verkaufen lassen." Sie irrten sich: Der Wagen lief bis zu seinem Produktionsende im Jahr 1992 mehr als acht Millionen Mal vom Band. Ein beträchtlicher Teil dieser Autos wurde auch in Deutschland zugelassen.
Vor allem das Innenraumkonzept erwies sich als genial: Der ebene Wagenboden, der Verzicht auf den Mitteltunnel sowie die vorklappbare Rückbank sorgten für ungeahnte Platzverhältnisse. Leben erinnert sich: "Wenn wir bei Metro auf dem Parkplatz standen und ihn beladen haben, ging er richtig in die Knie."
Apropos Fahrwerk: Das überzeugte durch Komfort, und so ließ sich mit Renaults erstem Fronttriebler auf lässig-französische Art durch die Gegend gleiten. Möglichst langsam, denn der hochbeinige Zeitgenosse neigte sich in Kurven gern mal zur Seite. Und für Durchzug sorgten höchstens die undichten Fenster. Der 34-PS-Motor tat es jedenfalls nicht. Auch wenn die Familienkutsche nicht für die Hatz auf dem Nürburgring gebaut wurde - einige aufgemotzte Versionen haben trotzdem Renngeschichte geschrieben. Sein Debüt im Motorsport feierte er 1962 bei der Rallye Monte Carlo; 1979 belegte ein allradgetriebener R4 bei der Wüsten-Rallye Paris Dakar den zweiten Platz.
Otto Normalverbraucher, der zum herkömmlichen Modell mit 26 oder 34 PS griff, konnte sich an einem sparsamen Motor erfreuen. Das Tanken wurde auch deshalb nicht zum teuren Vergnügen, weil der Tank lediglich 26 Liter fasste. Leben erinnert sich: "Eine Tankfüllung von Rest auf Voll waren 14 Mark." Der Vierzylinder punktete zudem mit einem Kühlsystem, das weitgehend wartungsfrei war. Mit seiner Zuverlässigkeit gewann der R4 viele Freunde. "Der hat uns nie im Stich gelassen", schwärmt Leben: "Ich musste in all den Jahren nicht mal eine Glühbirne wechseln. Wenn ich daran denke, wie oft die bei meinem Mercedes kaputtgegangen sind . . ."
Der Motor des Galliers war nicht kaputtzukriegen - was sich von der Karosserie nicht behaupten lässt. Ein R4, so höhnen Spötter, fing schon im Prospekt an zu rosten. Der Grund, warum kaum noch ein R4 auf den Straßen zu sehen ist - der braune Fraß hat sie hinweggerafft. Norbert Leben hatte damals Glück: Sein Auto blieb, warum auch immer, weitgehend von Rost verschont. Der R4 hatte Charakter, auch bedingt durch Eigenheiten, wie etwa seitlich aufschiebbare Fenster. Und wer erinnert sich nicht an die Revolverschaltung . . .
