EHEC

Ruf nach zentraler Seuchen-Polizei

Berlin/Hamburg/Bienenbüttel (dpa). Wegen neuer Rückschläge bei der Suche nach der Quelle des gefährlichen EHEC-Keims wird der Ruf nach einer "zentralen Seuchen-Polizei" immer lauter. Auf scharfe Kritik stieß das deutsche Krisenmanagement zur Eindämmung der Epidemie im EU-Parlament in Straßburg. Aber auch die Europäische Union hat nach Ansicht vieler Parlamentarier zu langsam reagiert.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte zu "Bild.de": "Für besonders gefährliche Keime brauchen wir eine mobile Eingreiftruppe." Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, forderte "den Umbau des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur zentralen Seuchen-Polizei in Deutschland". Lauterbach will dazu die RKI-Experten mit allen Kompetenzen und dem Recht ausstatten, wie die Bundeswehr "Reservisten" heranzuziehen, etwa Spezialisten von Unis.

Der Vorsitzende des Bundestags-Verbraucherausschusses, Hans-Michael Goldmann (FDP), forderte im SWR eine Bündelung der wissenschaftlichen Kompetenzen von RKI, Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sowie Bundesinstitut für Risikobewertung in einer einzigen Institution.

In den Augen vieler EU-Parlamentarier fehlt in Deutschland eine klare Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern. In den USA gebe es eine zentrale Seuchenbekämpfungsbehörde, sagte die Fraktionschefin der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms. Der Verband der Universitätskliniken Deutschlands forderte die Bündelung der Kompetenzen beim Bund. Nur mit zentral organisiertem Krisenmanagement könnten Epidemien optimal bekämpft werden.

Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel, verteidigte die deutschen Behörden: "Ich kann nicht erkennen, dass etwas schiefgelaufen ist. Mehr als 50 Prozent der Verbraucher haben ihr Verzehrverhalten geändert, und genau das wollten wir erreichen."

Die EHEC-Ermittler erlitten unterdessen einen neuen Rückschlag. Die von einem Patienten aus Hamburg abgegebene Sprossen-Probe ist EHEC-frei, wie Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) sagte. Es sei für alle Beteiligten "absolut unbefriedigend und auch beängstigend, dass die Quelle noch nicht gefunden wurde".

Der 42-jährige Hamburger hatte das Sprossengemüse eines inzwischen gesperrten Hofs in Bienenbüttel im Kühlschrank vergessen. Die mehrere Wochen alte Packung hätte den Behörden dabei helfen können, die Infektionsquelle zweifelsfrei nachzuweisen. Erste Laborproben aus dem betroffenen Hof waren am Montag ebenfalls negativ ausgefallen. Der Betrieb ist in Verdacht geraten, weil er zahlreiche Lokale und Kantinen beliefert hatte, von denen Gäste erkrankten. Bei den meisten EHEC-Ausbrüchen wird die Infektionsquelle voraussichtlich nie geklärt.

Derzeit sind bundesweit rund 3000 EHEC-Fälle und -Verdachtsfälle registriert. Mindestens 21 Menschen sind nach Angaben von Behörden gestorben. In den besonders betroffenen Ländern Hamburg und Niedersachsen flachte der Anstieg der Infektionszahlen ab. Dagegen ist die Zahl der Menschen, die sich in Schleswig-Holstein mit dem Darmkeim ansteckten, innerhalb eines Tages um fast 100 auf 676 gestiegen.

Das RKI nennt mehrere Gemüsesorten als mögliche EHEC-Träger. Die erste Patientenbefragung, die ein erhöhtes Erkrankungsrisiko nach dem Verzehr von Tomaten, Gurken und Salat gezeigt habe, sei durch weitere Untersuchungen bestätigt worden.