Modellprojekt
Letzte Chance für Schulschwänzer
Stolz hält Jan die Holzflöte hoch, die er gebaut hat. Jetzt bastelt der 13-Jährige an der Werkbank die Seitenwände für eine Kiste, in die er später seine Modellautos stellen will. Nicht nur sein handwerkliches Geschick hat sich enorm verbessert. Seit er im Forellenhof ist, sei er schon wieder viel mutiger geworden, erzählt der schmale blonde Junge: "Vielleicht kriege ich ja auch das mit der Schule wieder hin."
Jesteburg. In die Schule war Jan zuletzt gar nicht mehr gegangen. Jan ist ein chronischer Schulschwänzer und damit kein Einzelfall: Rund 140 Jugendliche verweigern jährlich im Landkreis den Schulbesuch. Die Zahlen steigen, obwohl die Schülerzahlen insgesamt sinken. Warum Jan keine Lust auf Schule hat? Ständig habe er Stress mit den Klassenkameraden gehabt, erzählt er. Die hätten ihn dauernd geärgert, bis er immer fauler geworden sei - obwohl er selbst eigentlich Lust habe, was zu lernen.
Seit mehr als vier Monaten kommt Jan jetzt jeden Morgen in den Forellenhof. Ihn in das "Projekt zur Reintegration schuldistanzierter Kinder und Jugendlicher" einzubinden, war nicht leicht für die Lehrer und Sozialpädagogen, die mit Jan arbeiten. Jeden Morgen holt ihn der Shuttle-Bus aus Buchholz ab und bringt ihn her. Einfach wegbleiben - das ist hier nicht.
Mit fünf weiteren Schulverweigerern bekommt Jan im Forellenhof eine individuell auf ihn zugeschnittene Intensivbetreuung. Täglich von 8 bis 15 Uhr, "Schulferien gibt’s hier nicht", sagt Lehrerin Annika Thode, die eigens für das Projekt eingestellt wurde. Nach dem Frühstück lernen sie mit den Lehrerinnen für die Schule, gemeinsam wird gekocht, gegessen, geputzt. Einmal in der Woche ist Projekttag, an dem die Kinder etwas herstellen.
Während Jan in der Werkstatt an seiner Kiste baut, malt Mareike mit Acrylfarben ein Werbeschild aus. Hoch konzentriert führt sie den dünnen Pinsel über die Leinwand. Sie selbst habe sich in der Schule immer so großen Leistungsdruck gemacht, bis es einfach nicht mehr ging, erzählt die 15-Jährige. Vom Gymnasium wechselte sie auf die Realschule, doch auch dort schaffte sie es irgendwann nicht mehr, hinzugehen. Hier im Forellenhof muss sie nicht alles alleine regeln. "Die Lehrer helfen einem, wenn einem nicht so klar ist, was man möchte." Inzwischen weiß sie wieder, was sie möchte: "Auf jeden Fall den Realschulabschluss, vielleicht sogar studieren, Naturwissenschaften oder Grafik-Design." Nächste Woche will sie wieder in die Schule gehen und versuchen, das durchzuhalten.
Weil in den schweren Fällen bei den Eltern und Kindern selbst mit Bußgeldverfahren nichts zu bewegen ist, hat der Landkreis 2009 das Projekt "Tu was" gestartet. Ziel der pädagogischen Arbeit: den Kindern die Angst vor der Schule, vor Mobbing und Versagen zu nehmen, Wut und Frust abzubauen und ihr Selbstvertrauen zu stärken, das oft schwer gelitten hat im permanenten Erleben des eigenen Scheiterns.
Die Jugendlichen, die hierherkommen, sind keine einfachen Schwänzer, die nur "null Bock" auf Schule haben, weiß der stellvertretende Leiter des Forellenhofs, Wolfram Döller. Die meisten haben tief greifende Probleme in ihren Familien, oft sind auch die Eltern psychisch krank, können sich nicht durchsetzen, die Kinder leiden an massiven Störungen. Darunter sind Kinder, die wegen ständiger psychosomatischer Erkrankungen ein bis zwei Jahre nicht in der Schule waren.
Im Schnitt bleiben die Zwölf- bis 18-Jährigen drei Monate in Jesteburg. Danach bekommen knapp 70 Prozent den Schulbesuch erst mal wieder hin. Auf längere Sicht brechen dann noch mal zehn Prozent wieder weg, sagt Sozialpädagoge Döller. Doch 60 Prozent, die wieder zur Schule gehen - das sind 60 Prozent, die eine echte Chance haben, nicht schon von Jugend an für immer im sozialen Netz zu landen.
Auch Jan macht der Gedanke an die Rückkehr zur Schule nach vier Monaten im Forellenhof schon nicht mehr ganz so viel Angst. Zutrauen tue er sich das jetzt schon viel mehr, sagt er und stemmt beide Arme auf die Werkbank: "Ich will auf jeden Fall einen Abschluss machen, vielleicht studieren - alles, was das Leben so bringt."
