Finkenwerder
Begegnung mit palästinensischer Lebensart
"Freiheit - wozu?" So lautet die zentrale Fragestellung des Schüleraustauschs, der erstmals zwischen dem Gymnasium und der Gesamtschule Finkenwerder und ihrer palästinensischen Partnerschule stattfindet. Neun jugendliche Palästinenser und zwei Lehrerinnen aus dem in der Westbank gelegenen Beit Jala weilen derzeit bei ihren Gastgebern auf der Elbinsel.
Die sprachliche Verständigung zwischen den Elftklässlern aus Nahost und den Hamburger Oberstufen-Schülern klappt - in der palästinensischen Schule wird das Fach Geschichte auf Deutsch und Arabisch unterrichtet. Auch menschlich gibt es zwischen den jungen Leuten aus zwei extrem unterschiedlichen Lebenswelten erstaunlicherweise keine Barrieren.
"Die Schüler hatten im Vorfeld des Besuches bereits zahlreiche E-Mails ausgetauscht und schon der Empfang am Flughafen war ausgesprochen herzlich. Unter Jugendlichen funktioniert Gemeinschaft ganz einfach", berichtet Kristina Wiskamp. Die 39-jährige Lehrerin hatte selbst vier Jahre an der Talitha Kumi Schule Deutsch unterrichtet und ist Koordinatorin des ungewöhnlichen Austauschprojekts.
Die sogenannte "Profiloberstufe" - jüngste Form einer fächerübergreifenden Vorbereitung auf das Abitur, die im zu Ende gehenden Schuljahr Hamburg weit erstmalig durchgeführt wurde - ermöglicht die Kombination verschiedener Fächer.
In Finkenwerder setzen sich insgesamt 27 Schülerinnen und Schüler intensiv aus geschichtlichem, politischem, künstlerischem und philosophischem Blickwinkel mit dem Nahostkonflikt auseinander. Der Austausch ermöglicht den Schülern beider Länder über das Bücherwissen hinaus ein vertieftes Verständnis für die Situation, die realen politischen Hintergründe und vor allem für die Menschen und deren alltägliches Leben.
Die gemeinsamen Erfahrungen und Eindrücke werden in einem begleitenden Fotoprojekt verarbeitet. Es wird beim Gegenbesuch der deutschen Schüler im September aus der anderen Perspektive fortgesetzt und mit einem Reisetagebuch, einer filmischen Dokumentation und einem Fotoband festgehalten. Diese Ergebnisse werden beide Partnerschulen ausstellen.
Doch zunächst steht die Freude an den Unternehmungen und - für die Palästinenser - der Genuss ungewohnter Freiheiten im Vordergrund. So lieben die Mädchen Fahrradausflüge ins Alte Land. Radfahren ist ein Vergnügen, das in ihrem von Traditionen geprägten Land als unschicklich für Frauen gilt.
Im liberalen Deutschland wird dennoch kein palästinensischer Jugendlicher über die Stränge schlagen, ist sich Kristina Wiskamp sicher. Die soziale Kontrolle der kleinstädtischen Gemeinschaft funktioniere auch im Ausland. Die gebürtige Essenerin hat während ihres Aufenthaltes in Palästina auch die positive Seite des engen Miteinanders kennengelernt - die Geborgenheit eines sozialen Netzes, das niemanden fallen lässt. "Dafür habe ich großen Respekt entwickelt."
Der Campus der Schule ist einer der wenigen Orte der Westbank, an dem Palästinenser und Israelis einander begegnen können, wie zum Beispiel die Mitglieder des "Parents Circle Families Forum". Familien beider Seiten versuchen dort im gemeinsamen Kreis, ihre während jahrzehntelanger Besetzung persönlich erlittenen menschlichen Verluste aufzuarbeiten und sich über die Bürde der Einschränkungen klar zu werden, die nicht nur den Palästinensern, sondern durch das verstärkte Sicherheitsbedürfnis auch den Israelis auferlegt ist.
