Hausärzte

"Diesen Luxus bezahle ich seit vielen Jahren selbst"

Aus der Warte eines Betroffenen kommentiert der Fischbeker Hausarzt Erwin R. Ottahal die von der Bundesregierung beabsichtigten Abstriche bei der Hausarzt-Honorierung.

Fischbek.  HAN-Leser aus Stadt und Land haben den Allgemeinmediziner als regelmäßigen Kolumnen-Schreiber schätzen gelernt. Sein nächster "Rezeptfrei"-Beitrag erscheint morgen in den HAN. Zu den Sparplänen von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) - selbst Augenarzt - meint Ottahal: "In meiner Praxis verlässt niemand nach nur sieben Minuten mein Sprechzimmer. Bald 20 Jahre Erfahrung als Hausarzt haben mich gelehrt, dass ein gründliches Verständnis von der Krankengeschichte eines Patienten der elementare Schlüssel zur Diagnose darstellt. Das braucht Zeit zum Zuhören und zum Nachdenken. Und manches Mal wirkt Zuwendung allein auch schon therapeutisch. Doch diesen Luxus bezahle ich seit vielen Jahren selbst. Außer der Arbeit in der Praxis arbeite ich noch als Notarzt, als ärztlicher Ausbilder und Prüfer.

Ein System, das Anreize schafft, die weniger Kranken aufwendig zu untersuchen und zu behandeln als sich mit ernsthaft kranken Chronikern zu beschäftigen, ist pervers.

Genauso ist es grundfalsch, den Arzt nach der Zahl seiner Kranken zu bezahlen. Zahlreiche Krankenkassen bieten uns deshalb Honorarsicherheit auch dann, wenn ein chronisch Kranker mal ein Quartal lang nicht in der Sprechstunde erscheint, weil es ihm momentan besser geht.

Dieses in Baden-Württemberg und in Bayern bereits seit mehr als zwei Jahren erfolgreich praktizierte Versorgungsmodell wird jetzt durch die Pläne des Bundesgesundheitsministers gefährdet, der genau dieses Honorarplus wieder einsparen möchte. So, als benötigten wir das gar nicht. Dabei wendet er sich nicht gegen die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) als solche - er möchte eben nur, dass wir Hausärzte diese Zusatznutzen für HZV-Patienten kostenlos erbringen!

Als angehender Facharzt für Augenheilkunde mag Herr Rösler dabei die Einzigartigkeit des Hausarztes nicht im Blick gehabt haben: Außer der Qualifikation zählen für die Patienten des Hausarztes erstens seine zuverlässige Präsenz (rasche Termine, Wissen um die Besonderheiten der Familie), zweitens sein umfassender patientenzentrierter Ansatz und drittens sein gezielter Schutz des Patienten vor Unter- und Überversorgung.

Der Hausarzt als Fachspezialist für Grundversorgung und Familienmedizin unterscheidet bei seiner unselektierten Klientel mit ihren vieldeutigen Symptomen zwischen krank und nicht krank und weist dem Kranken den einfachsten Weg zur Besserung. 85 Prozent seiner Patienten sehen nie den Spezialisten. Der Hausarzt ist sowohl Fachmann für die Akutmedizin als auch für die Chroniker. Kein anderes Fach - mit Ausnahme der Kinderärzte - beherrscht diesen Spagat.

Sozial Schwächere suchen ihren Hausarzt häufiger auf als Gutsituierte. Vor allem in Stadtrandbezirken mit geringer Arztdichte tragen Hausärzte hohe Versorgungslasten, besonders für diejenigen, welche Versorgung am dringendsten benötigen.

Die Existenz des Hausarztes (und die seiner Patienten) wird bedroht durch erstens überbordende Bürokratie und absurde Budgetfesseln, zweitens immer noch vorhandene finanzielle Anreize zu möglichst ausgedehnter Diagnostik und drittens unangemessene Honorare.