Fall Chantal
Woher hatten die Pflegeeltern so viel Methadon?
Nach dem tragischen Tod der elfjährigen Chantal aus Wilhelmsburg ist nun vielleicht geklärt, woher das Mädchen die für sie tödliche Dosis Methadon hatte: In der Garage der Pflegeeltern sind insgesamt 31 Tabletten der Heroin-Ersatzdroge gefunden worden. Das bestätigte gestern Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. Markus Schreiber (SPD), Leiter des Bezirksamts Mitte, räumte gestern außerdem ein, dass die Auswahl der Pflegefamilie ein Fehler gewesen sei.
Wilhelmsburg. Die Pflegeeltern seien nach eigenen Angaben seit Jahren als Drogensüchtige in einem Methadon-Programm, teilte die Staatsanwaltschaft weiter mit. Das Jugendamt hat mittlerweile die beiden leiblichen und das weitere Pflegekind aus der Familie genommen. Außerdem wurden Medikamente und Plastikflaschen mit einer unbekannten Flüssigkeit in der Wohnung an der Fährstraße beschlagnahmt. Diese sollen in den kommenden Tagen untersucht werden.
Noch sei allerdings nicht geklärt, ob Chantal tatsächlich im Haushalt ihrer Pflegeeltern an die Dosis Methadon kam, die sie am 16. Januar einnahm und an der sie starb. Möllers nannte den Fund der Tabletten "ein Puzzleteil in unseren Ermittlungen". Rechtmediziner sollen nun prüfen, ob Chantal die Ersatzdroge in flüssiger oder Tablettenform zu sich genommen hatte.
Fest steht allerdings, dass die Pflegeeltern eine so große Menge Methadon nicht hätten "horten" dürfen. Substituierte, wie Patienten in einer Drogentherapie genannt werden, dürfen höchstens eine Zahl von Medikamenten mit nach Hause nehmen, die für eine Woche reichen. Und das auch nur, wenn sie die Patienten als äußerst zuverlässig erwiesen haben.
Weiter offen ist die Frage, wie Chantal, deren Mutter 2010 gestorben und deren Vater selbst drogenabhängig war, in eine solche Pflegefamilie gelangen konnte. Bezirksamtschef Schreiber kündigte gestern eine lückenlose Aufklärung des Falls an.
Unterdessen wird weiterhin auch gegen den leiblichen Vater Chantals und die älteste Tochter der Pflegeeltern, eine 27-Jährige, wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Alle vier Verdächtigen mussten Blut- und Haarproben abgeben. Die Ergebnisse der Untersuchungen erwartet Oberstaatsanwalt Möllers in ein bis zwei Wochen. Pflegevater- und Mutter seien in den vergangenen Jahren jedoch nicht wegen Drogendelikten in Erscheinung getreten.
