Organspende
Sebastian Stroms Wettlauf gegen die Zeit
Für heute Nacht hat er sich einen dicken Roman mitgebracht. Falls es wieder so eine Nacht wird wie vorgestern. Heftige Krämpfe in den Beinen hatten ihn aus seinem leichten Schlaf gerissen, sein Blutdruck war plötzlich gefallen. Notklingel, Schwester, Medikamente. Aber an so was will er nicht denken. "Ich bin ein Kämpfer", sagt Sebastian Strom, steigt ins Bett und schiebt den Ärmel hoch.
Harburg. Sein linker Arm ist blau. Eine pulsierende Beule markiert die Stelle, wo unter der Haut der "Shunt" sitzt. Vene und Arterie sind dort zu einer künstlichen Abzapfstelle verbunden, damit das Blut schneller aus seinem Körper fließen kann. Das ist lebenswichtig für ihn. Gesunde Nieren entfernen Giftstoffe und überschüssiges Wasser aus dem Körper. Stroms Nieren arbeiten nicht. Ohne die Blutwäsche würde sich sein Körper selbst vergiften.
Für den Bruchteil einer Sekunde zuckt sein Gesicht, als die Krankenschwester die dicke Nadel ansetzt - und schon strömt sein Blut in den Kasten neben seinem Bett. Drei bis viermal wird sein Blut jetzt durch die Maschine fließen, acht Stunden lang die Gifte herausfiltern. Dreimal pro Woche verbringt der 30-jährige Tostedter die Nacht in der Dialysepraxis am Schwarzenberg. Montags, mittwochs und freitags bezieht er hier um 21.30 Uhr sein Nachtlager. Um 5.30 Uhr steht er auf und fährt nach Hause. Zwei Stunden später sitzt er in Hamburg bei seiner Arbeit als Buchhalter.
Als Patient, der stark genug ist für die Nachtdialyse, gehört Strom zu jenen Nierenkranken, denen es vergleichsweise gut geht beim langen Warten auf ein Organ. Und Strom ist einer, der um sein Leben kämpft. So wie er es seit 25 Jahren macht.
Gerade mal fünf Jahre ist er alt, als seine Nieren zum ersten Mal versagen. Verschleppte Harnwegsentzündungen haben sie schwer geschädigt. Eine Notoperation rettet ihn vorerst. Als er zwölf Jahre alt ist, sind seine Nieren am Ende. Eine Bauchfelldialyse hilft ihm zunächst - zu Hause. Ständig Schlauch rein in den Bauch, Schlauch raus, "eine Tortur", erinnert er sich.
Ein Jahr später kommt aus Hamburg der erlösende Anruf: Der 13-Jährige erhält im Uniklinikum Eppendorf eine neue Niere. Sein Leben ändert sich radikal. Plötzlich kann er alles wieder machen. Bei Freunden übernachten, Sport treiben, die Schule und später seine Berufsausbildung abschließen. "Ich hatte viel mehr Power, war aktiver, alles war leichter", erinnert er sich.
Mit 21 Jahren der nächste Schock: Die Spenderniere gibt auf, sein Körper stößt das Organ ab. Er muss wieder zur Dialyse, wieder auf die Warteliste für ein Organ. Seit fast zehn Jahren wartet er jetzt. "Es ist ein Kampf ein ganzes Leben lang", sagt Strom und lächelt tapfer. Die Dialyse rettet sein Leben, aber sie diktiert es auch. Zwingt ihn in ein strenges Zeitkorsett, zu eiserner Disziplin. Den Satz "Ich hab heute keine Lust" kennt er nicht. Strom ist einer, der nicht jammert. Der lieber erzählt, was er kann. Und er kann viel: Er arbeitet in einer 40-Stunden-Woche, hat viele Freunde, spielt Fußball.
Doch vor allem beim Sport merkt er, dass er anders ist. Ist schneller kaputt, obwohl er mit Epo "gedopt" wird. Nach dem Wochenende, wenn der Abstand zwischen den Blutwäschen länger ist, muss er sich extrem zusammenreißen. "Montag ist mein vorsichtiger Tag", erzählt er. Montags fühlt er sich oft zerschlagen, muss immer damit rechnen, als Notfall im Krankenhaus zu landen, weil er überwässert ist und zu ersticken droht. Strenge Diät muss er halten. Zuviel Kalium führt zum Herzstillstand: "Drei Bananen, und ich kippe tot um", sagt Strom.
Sein Immunsystem ist geschwächt. 30 Operationen hat er schon hinter sich, an der Blase, an den Nebenschilddrüsen, alle verursacht durch die kaputten Nieren. Und ganz hinten in seinem Kopf ist sie immer da, die Angst. Die Angst, dass es ihm immer schlechter gehen wird, während er auf ein Organ wartet, bis ihm sein Körper eines Tages signalisiert: Jetzt ist Schluss. Er merke schon, dass sein Körper abbaue, sagt Strom leise. Denn auch die Dialyse strapaziert den Körper, seine Lebensuhr tickt schneller: Ein Dialysejahr zählt wie zwei Lebensjahre.
Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt und er die Nummer der Dialysepraxis erkennt, ist das für ihn ein Moment der Hoffnung: Es könnte der Anruf sein, bei dem sie am anderen Ende der Leitung sagen: "Für Sie ist eine Niere da". Den kurzen Moment der Angst bei dem Gedanken an die schwere Operation verdrängt dann immer ganz schnell sein Wissen: "Wenn ich es hinter mir habe, fängt ein neues Leben an."
