Cranz

Aus der Zeit gefallen

Verschlafen. Idyllisch. Grün. Wo aber sind die Menschen, die hier gern hinziehen möchten? Ein Spaziergang an der sich durch den Ort schlängelnden schmalen Hauptstraße entlang löst gemischte Gefühle aus. Kleine Häuser rahmen den Weg: Fachwerk, verwunschene Vorgärten. Aber viele Gebäude stehen leer, vergilbte Gardinen in den Fenstern. Ziegel, die sich gelockert haben. Und doch: Irgendwie liegt über allem ein ganz besonderer Charme. Cranz, ein entlegener Ortsteil Hamburgs, heute ein Dorf wie aus der Zeit gefallen.
Cranz

Marode Straßen, kaum noch Läden - stirbt Cranz aus?

Cranz. Es gab andere Zeiten. Cranz in voller Blüte: drei Schlachterläden, zwei Bäckergeschäfte, viele Kneipen, Restaurants und Tanzsäle. Vorbei. Übrig geblieben sind ein Schuhgeschäft, zwei Restaurants und ein Imbiss. Das Café Albers hat dicht gemacht (die HAN berichteten). Keine Gäste, keine Zukunft. Nichts, was junge Familien für den Ort begeistert.

"Es ist ein komplizierter Kreislauf", sagt Rolf Tamcke, Inhaber des Schuhgeschäfts. "Wo wenig Leute sind, kann wenig bewegt werden." Junge Familien fehlten. Die zögen aber nicht nach Cranz, wenn immer nur gesagt werde, was der Ort nicht mehr hat. Dabei hat Cranz doch noch einiges zu bieten. Tamcke zählt auf: Kindergarten, Grundschule, Polizei, Feuerwehr, Sportverein, Theatergruppe. Und gute Verkehrsanbindungen: Die Buslinie 150 nach Altona etwa fährt regelmäßig, die Fähre nach Blankenese auch. Genau hier gebe es Potenzial, ist Dr. Boy Friedrich überzeugt, der sich im Arbeitskreis des Orts engagiert. Zum Beispiel, wenn die Fähre neben Blankenese auch die Landungsbrücken ansteuern würde. "Sanfter Tourismus" sei das Stichwort, das er für die Belebung von Cranz favorisiert. Immerhin liege der Ort mitten im Naherholungsgebiet. Andere Kommunen im Alten Land seien in dieser Hinsicht sehr aktiv. Das vermisse er in Hamburg. "Ich glaube, wir stehen nicht gerade im Mittelpunkt bei den Behörden, die für Cranz zuständig sind. Wir müssen viel aus eigener Kraft mobilisieren, um uns Gehör zu verschaffen", erklärt Friedrich.

"Es wäre schön, wenn eine Möglichkeit gefunden würde, das Dorf zu beleben", so Tamcke. Aber er stellt klar: "Alle sind gefragt, einen Beitrag zu leisten." Vom engagierten Anwohner über den neuen Siedler bis hin zum interessierten Politiker und der zuständigen Verwaltung. Der Arbeitskreis hat angeregt, aus dem alten Schulgebäude, das leer steht, eine Begegnungsstätte mit kulturellem Angebot zu schaffen.

Gespräche liefen, so Friedrich. Doch auch hier gibt es unterschiedliche Meinungen: "Einige aus dem Ort befürworten, dass dort Wohnungen geschaffen werden, wo die Schule steht." Ideen, die sich im Prinzip nicht ausschließen. Ein Gedanke aber eint alle in Cranz. Sie glauben an ihr besonderes Dorf im Herzen des Alten Landes.