Jesteburger Experte fordert Alternativen zu Asse und Co.
Loch für Atommüll: Antrag bei der EU
Carsten WeedeJesteburg. Während Politiker längere Laufzeiten für Atomkraftwerke fordern, säuft das umstrittene Atommülllager Asse (Kreis...
Carsten Weede
Jesteburg. Während Politiker längere Laufzeiten für Atomkraftwerke fordern, säuft das umstrittene Atommülllager Asse (Kreis Wolfenbüttel) weiter ab. Das "Versuchsendlager" Asse ist zum Problemfall geworden. "Die Frage ist doch, ob radioaktive Abfälle in Salzstöcken wie in Asse oder Gorleben, die nicht einmal 1000 Meter tief sind, auf Dauer überhaupt gefahrlos gelagert werden können", sagt der Jesteburger Ingenieur Rolf Bielecki. Was in Deutschland fehle, sei die neu-trale Begutachtung verschiedener Alternativen als Endlager für Atommüll. Eine zumindest hat er zu bieten.
Wie berichtet, will der ehemalige Leitende Baudirektor der Hamburger Baubehörde mit einem Team internationaler Wissenschaftler mit Hilfe des sogenannten Litho-Jet-Schmelzbohrverfahrens ein tiefes "Grab" für Atommüll bohren. "Beim Litho-Jet-Verfahren werden vor dem Bohrkopf Wasserstoff und Sauerstoff verbrannt, um die nötige Hitze zum Schmelzen des Ge-steins zu erzeugen", erläutert Bielecki.
Die Schmelzflamme habe eine Temperatur von 2530 Grad. "Die flüssige Schmelze dringt in alle Hohlräume und verschließt Risse. Wenn das Gestein wieder erstarrt, soll das Bohrloch auch schon abgedichtet und druckfest stabilisiert sein", erklärt der 76-jährige Experte. Die bisherigen Versuche in den Karpaten im Osten der Slowakei seien sehr erfolgreich verlaufen, berichtet Bielecki, der als Dozent an der Lüneburger Universität (Leuphana) tätig ist.
Der Jesteburger und seine Mitstreiter von der Technischen Universität Kosice in der Slowakei haben gemeinsam mit Experten der Universitäten in Hamburg, Sheffield (England) und Brünn (Tschechien) ein Konzept für ein Atommüll-Endlager erarbeitet. "Im Herbst werden wir einen gemeinsamen Antrag für eine Machbarkeitsstudie bei der EU in Brüssel stellen", kündigt Bielecki an.
Mit Hilfe der neuen Flammenschmelztechnologie wollen der Jesteburger und seine Wissenschaftler-Kollegen einen Schacht mit einem Durchmesser von zwölf Metern bis zu 2000 Meter tief in Festgestein beipielsweise Granit treiben. Von diesem Schacht aus sollen in mehr als 1000 Meter Tiefe auf unterschiedlichen Ebenen strahlenförmig horizontale Bohrungen mit einem Durchmesser von etwa zwei Metern abgehen. In diesen bis zu 500 Meter langen Röhren sollen Container mit Atommüll gelagert werden.
"Ein solches Konzept ermöglicht den Einbau von Fahrstühlen mit größeren Durchmessern in den Teufen und bei entsprechender Ausführung der Sicherheitsbarrieren auch die Rückholung der in den kleineren Bohrungen eingebauten Container aus den Endlagern", erläutert Bielecki.
Weltweit gebe es bis heute kein Endlager, das den Sicherheitsstandards der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) entspricht. "Wir sitzen alle in einem Flugzeug, aber es gibt noch keine Landebahn", sagt Bielecki. Die Frage, wie die hochradioaktiven Abfälle aus Atomkraftwerken sicher entsorgt werden können, müsse endlich geklärt werden.
"Wir sind davon überzeugt, dass unser Konzept ökologisch sinnvoll und ökonomisch machbar ist", betont der Jesteburger. Schon beim Bau der vierten Elbtunnelröhre hatten die von Bielecki initierten technischen Neuerungen an der Vortriebsmaschine "Trude" nicht nur in der Fachwelt für Aufsehen gesorgt. Seither gilt Bielecki als "Bohrer der Nation" oder als "Maulwurf aus Jesteburg".
Nach seiner Einschätzung könnte ein mit Hilfe der Flammenschmelztechnologie errichtetes Atommüllendlager im Jahre 2030 in Betrieb genommen werden. Ein Schacht in dieser Größe würde nach Bieleckis Berechnungen als Endlager für den gesamten hochradioaktiven Atommüll aus allen 17 deutschen Kernkraftwerken ausreichen.
Über den strahlenden Behältern könnte das kilometertiefe Bohrloch dann mit einem "Multibarriere-System" zusätzlich isoliert werden. Bielecki: "Das sei allemal sicherer als ein 500 Meter tiefer Salzstock wie in Gorleben."
Zudem würde ein Endlager in einem gebohrten Schacht nach seinen Berechnungen immer noch deutlich weniger kosten als die bisher ausgegebenen Forschungsmittel für die Salzstocklösung. Ein mit Hilfe der Litho-Jet-Methode hergestellter 2000 Meter tiefer Schacht mit einem Durchmesser von zwölf Metern würde weniger als eine Milliarde Euro kosten. Der Bau der vierten Elbtunnelröhre kostete rund 850 Millionen Euro.
