Was macht eigentlich?
Freiheit für die "Wilde Erika"
Die Schmalspurbahn von Carsten Recht fährt bei Bad Malente. Ihr Name ist dabei Programm: die "Wilde Erika"
Holm-Seppensen/Bad Malente. In der Nordheide waren sie eine Institution: Die "Wilde Erika" und ihre Leute, die Eisenbahn-Begeisterten um den Holm-Seppensener Carsten Recht. Ungezählte ehrenamtliche Stunden hatte die zwar kleine, dafür aber um so engagiertere Gruppe in ihr Hobby, die historische Schmalspurbahn, gesteckt, die sie auf den Namen "Wilde Erika" tauften. Heute sind die drollige kleine Bahn und ihr unermüdlicher Vorkämpfer Carsten Recht zum Bedauern vieler Eisenbahnfans aus dem Bild des Landkreises und der Nordheide verschwunden. Doch ihr Projekt lebt weiter: in Bad Malente in der Holsteinischen Schweiz.
Mit wenigen Stundenkilometern, sozusagen im Schneckentempo, war die "Wilde Erika" bis ins Jahr 2002 im Landkreis Harburg auf einer knapp einen Kilometer langen Strecke bei Wörme unterwegs gewesen sehr zur Freude ungezählter alter und junger Eisenbahnbegeisterter aus nah und fern. Dem Wörmer Bähnlein waren aber nur wenige Jahre beschieden. Müde vom ständigen Kampf gegen behördliche Windmühlenflügel, hatten Carsten Recht und seine Mitstreiter aufgegeben, sich ganz zurückgezogen oder neue Betätigungsfelder gesucht.
Trotzdem sind die Schmalspurbahn "Wilde Erika" und ihr Vorkämpfer Carsten Recht im Landkreis Harburg nicht vergessen. Die Erinnerung an die Schmalspurbahn als Attraktion für Touristen und Einheimische, an Lampionfahrten und "Erika-Touren" lebt weiter. Auch die Ehrenschaffner- und Ehrenlokführer-Ausbildung werden von Kindern wie Erwachsenen schmerzlich vermisst vergebens. Denn für den Landkreis Harburg ist das Projekt endgültig verloren.
Mangels Unterstützung von offizieller Seite waren die Konzeption und ein Teil der Fahrzeuge nach dem Aus für die "Wilde Erika" ins Nachbarbundesland Schleswig-Holstein transferiert worden. Und dort entwickelt sich die historische Bahn nun mit breiter Unterstützung nicht nur der Bevölkerung, sondern auch von Politik und Behörden zu dem, was sie eigentlich in der Nordheide hätte werden sollen: eine Touristenattraktion erster Güte. Vor einigen Monaten wurde sie sogar von Zuschauern des NDR-Fernsehens zur schönsten Eisenbahn des Landes gekürt. Selbst den Vergleich mit internationaler Konkurrenz braucht "Hein Schüttelborg", wie die Schmalspurbahn auf Anregung eines Fahrgastes in Bad Malente getauft wurde, nicht zu scheuen: Eisenbahnfans haben ihr da einen guten mittleren Rangfolgen-Platz zuerkannt. Sogar der bundesweit bekannte Kabarettist Dieter Hildebrandt hat die Feld- und Kleinbahn gGmbH für sich entdeckt. Wie sich das anhört, können Fans in Ausschnitten aus einer Hildebrandt-CD auf der Internet-Seite der Feld- und Kleinbahn (www.fkbg.de) hören.
"Darauf sind wir natürlich mächtig stolz", sagt Carsten Recht, der mit seiner Frau Monika vor mehr als drei Jahren nach Bad Malente gezogen ist. Dort engagiert sich der mittlerweile 62-Jährige wiederum als ehrenamtlicher Geschäftsführer der gemeinnützigen Feld- und Kleinbahn Betriebs-gGmbH nun weiterhin mit ganzem Herzen, vollem Einsatz und viel, viel Zeit für seine "Leidenschaft auf Schienen". Was ihn dabei besonders freut: Die dampfgetriebene Schmalspurbahn hat eine Konzession bis zum Jahr 2058 erhalten als sogenanntes Eisenbahninfrastrukturunternehmen für die öffentliche Eisenbahn in 600 Millimeter Spurweite zwischen Bad Malente und Lütjenburg.
Noch ist sie erst zu einem Teil befahrbar, die dortige 18 Kilometer lange Strecke. Doch bis zum Jahr 2010, zum 175-jährigen Bestehen der deutschen Eisenbahn, soll "Hein Schüttelborg" auf der ganzen Strecke unterwegs sein können. Der Gleisbau erfolgt in Eigenregie unter Führung eines qualifizierten Anleiters. "Der ist einfach Spitze, und es bereitet allen einen Riesenspaß", berichtet Carsten Recht. Was ihn dabei besonders stolz macht: Außer den ehrenamtlichen Helfern packen auch sogenannte Ein-Euro-Kräfte mit an, vermittelt von den "Argen" der Umgebung. "Diese Kräfte haben wir anschließend bislang immer irgendwie unterbringen können." Die Schmalspurbahn sei also nicht nur eine Touristenattraktion geworden, sondern spiele eine Rolle auch auf dem Arbeitsmarkt der Region.
In Bad Malente ist die Amateurschaffner-Ausbildung für eisenbahnbegeisterte Kinder und Jugendliche fortgesetzt worden, und bei der Feld- und Kleinbahn gGmbH werden auch Lokführer ausgebildet ehrenamtliche für die Feldbahn ebenso wie echte. "Einer macht bei uns gerade die richtige Lokführer-Ausbildung, darüber freuen wir uns alle."
Wer "Hein Schüttelborg" besuchen möchte, findet den Fahrplan für die dampfgetriebene Bahn im Internet: www.fkbg.de. Die Saison beginnt im Mai. Gefahren wird jeweils mittwochs, sonnabends und sonntags. Zu den bisherigen drei Waggons kommt in diesem Jahr noch ein vierter hinzu.
