Klaus-Staeck-Retrospektive in den Phoenix-Fabrikhallen
Kunst mit doppeltem Boden
Ernst BrenneckeHarburg. Eins der bekanntesten Bilder von Caspar David Friedrich ist das "Eismeer". Es zeigt außerordentlich unwirtlich...
Ernst Brennecke
Harburg. Eins der bekanntesten Bilder von Caspar David Friedrich ist das "Eismeer". Es zeigt außerordentlich unwirtlich zusammengepreßte Eisschollen, gerade noch so eben sind die Planken eines darin zerborstenen Schiffes zu sehen. Das Bild wird im Volksmund deshalb auch oft "Die gescheiterte Hoffnung" genannt. Diese typischen Eisberge befinden sich jetzt im Vordergrund eines Bildes, dessen Hintergrund das Brandenburger Tor ist. Die großformatige Arbeit hängt derzeit im Treppenhaus der Phoenix-Fabrikhallen. Gestern abend ist dort die Ausstellung "Nichts ist erledigt" eröffnet worden. Die Retrospektive auf das Werk von Klaus Staeck kann heute im Rahmen des ersten Harburger Kulturtages in der Zeit von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden.
Das Berlin-Bild ist typisch für die Arbeitsweise von Klaus Staeck. Gern nimmt er bekannte Versatzstücke in diesem Fall das Friedrich-Bild und das Brandenburger Tor und stellt sie in einen neuen Zusammenhang.
Unvergessen sind seine provozierenden Plakate, bei denen er ebenso arbeitete. Wie zum Beispiel das Bild der Mutter von Albrecht Dürer, er versah es mit dem Text: "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?" Der in vielen Mietverträgen enthaltene Satz "Die Mietsache ist schonend zu behandeln und in gutem Zustand zurückzugeben" steht bei Staeck unter einem Bild der Erde im Weltall.
Wer nun aber meint, kurze knappe Sätze und einprägsame Bilder seien die ganze Kunst des Politprovokateurs Staeck, der irrt. Mitunter sind seine Texte sehr lang und die Bilder verfremdet. Aber die Themen sind sich gleich geblieben: Staeck kämpft mit seinen Mitteln für den Umweltschutz und gegen die Gefahr von rechts. Wobei rechts bei ihm bereits am rechten Rand der SPD beginnt.
Legendär sind seine Abrechnungen mit Kohl und Strauß. In die Geschichte eingegangen ist jene Aktion angetrunkener CDU-Abgeordneter, die bei einer Staeck-Ausstellung in Bonn begannen, einzelne Plakate von der Wand zu reißen. Einer der Beteiligten hieß Philipp Jenninger und wurde später kurzfristig Bundestagspräsident. Für das nachweisliche Beschädigen von zwei Plakaten wurde er zu einem Schadenersatz von zehn DM verurteilt. Die Summe mußte gerichtlich eingetrieben werden.
Natürlich sind diese Agit-Pop-Arbeiten nur ein Teil des Staeckschen Werkes. In der umfangreichen Harburger Ausstellung sind auch seine Collagen zu sehen, seine Fotoserien und seine ungewöhnlichen Porträts prominenter Zeitgenossen.
Es gibt sogar Installationen. Wie zum Beispiel jene aus Emigranten-Koffern, die hinter der europäischen Fahne stehen und damit den Begriff Heimat hinterfragen. Und jene zwei Sandsäcke mit der Aufschrift "Fürs Getriebe". Und die für "Egalité, Liberté, Fraternité" (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit) ausgezeichneten Reifen und Felgen von Mercedes, Peugeot und BMW.
Staeck begleitet die Bundesrepublik seit Jahrzehnten mit seinen bissigen Kommentaren. Aber auch, wenn er "nur" dokumentierende Fotos vorlegt, ist die Aussage politischer Natur. Wie etwa die nachts entstandene Aufnahme einer Litfaßsäule mit der Aufschrift "Kultur in Hamburg". Denn die hell erleuchtete Säule ist leer.
Die Ausstellung, die nun wirklich jeder Harburger besuchen sollte, trägt den provozierenden Titel "Nichts ist erledigt". Wer sich die Auseinandersetzungen mit Franz-Josef Strauß ansieht und bedenkt, was dessen Kinder gerade treiben, der weiß, was gemeint ist.
Die Kunst von Klaus Staeck zielt auf den Menschen selbst. Sie verleitet vordergründig zum Schmunzeln oder Lachen, bis das Grauen der zweiten Ebene einsetzt. Die Doppelbödigkeit jedes verwendeten Satzes, jedes gezeigten Symbols fordert die Betrachter zur Stellungnahme heraus. Wie auch immer man zu den Objekten von Staeck steht gleichgültig lassen sie niemand. Und genau das ist ihre Stärke.
Phoenix-Fabrikhallen, Wilstorfer Straße 71, bis 30. April 2005, di-fr 14-18 Uhr, sa 11-18 Uhr geöffnet. Katalog 20 Euro.
Harburg. Eins der bekanntesten Bilder von Caspar David Friedrich ist das "Eismeer". Es zeigt außerordentlich unwirtlich zusammengepreßte Eisschollen, gerade noch so eben sind die Planken eines darin zerborstenen Schiffes zu sehen. Das Bild wird im Volksmund deshalb auch oft "Die gescheiterte Hoffnung" genannt. Diese typischen Eisberge befinden sich jetzt im Vordergrund eines Bildes, dessen Hintergrund das Brandenburger Tor ist. Die großformatige Arbeit hängt derzeit im Treppenhaus der Phoenix-Fabrikhallen. Gestern abend ist dort die Ausstellung "Nichts ist erledigt" eröffnet worden. Die Retrospektive auf das Werk von Klaus Staeck kann heute im Rahmen des ersten Harburger Kulturtages in der Zeit von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden.
Das Berlin-Bild ist typisch für die Arbeitsweise von Klaus Staeck. Gern nimmt er bekannte Versatzstücke in diesem Fall das Friedrich-Bild und das Brandenburger Tor und stellt sie in einen neuen Zusammenhang.
Unvergessen sind seine provozierenden Plakate, bei denen er ebenso arbeitete. Wie zum Beispiel das Bild der Mutter von Albrecht Dürer, er versah es mit dem Text: "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?" Der in vielen Mietverträgen enthaltene Satz "Die Mietsache ist schonend zu behandeln und in gutem Zustand zurückzugeben" steht bei Staeck unter einem Bild der Erde im Weltall.
Wer nun aber meint, kurze knappe Sätze und einprägsame Bilder seien die ganze Kunst des Politprovokateurs Staeck, der irrt. Mitunter sind seine Texte sehr lang und die Bilder verfremdet. Aber die Themen sind sich gleich geblieben: Staeck kämpft mit seinen Mitteln für den Umweltschutz und gegen die Gefahr von rechts. Wobei rechts bei ihm bereits am rechten Rand der SPD beginnt.
Legendär sind seine Abrechnungen mit Kohl und Strauß. In die Geschichte eingegangen ist jene Aktion angetrunkener CDU-Abgeordneter, die bei einer Staeck-Ausstellung in Bonn begannen, einzelne Plakate von der Wand zu reißen. Einer der Beteiligten hieß Philipp Jenninger und wurde später kurzfristig Bundestagspräsident. Für das nachweisliche Beschädigen von zwei Plakaten wurde er zu einem Schadenersatz von zehn DM verurteilt. Die Summe mußte gerichtlich eingetrieben werden.
Natürlich sind diese Agit-Pop-Arbeiten nur ein Teil des Staeckschen Werkes. In der umfangreichen Harburger Ausstellung sind auch seine Collagen zu sehen, seine Fotoserien und seine ungewöhnlichen Porträts prominenter Zeitgenossen.
Es gibt sogar Installationen. Wie zum Beispiel jene aus Emigranten-Koffern, die hinter der europäischen Fahne stehen und damit den Begriff Heimat hinterfragen. Und jene zwei Sandsäcke mit der Aufschrift "Fürs Getriebe". Und die für "Egalité, Liberté, Fraternité" (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit) ausgezeichneten Reifen und Felgen von Mercedes, Peugeot und BMW.
Staeck begleitet die Bundesrepublik seit Jahrzehnten mit seinen bissigen Kommentaren. Aber auch, wenn er "nur" dokumentierende Fotos vorlegt, ist die Aussage politischer Natur. Wie etwa die nachts entstandene Aufnahme einer Litfaßsäule mit der Aufschrift "Kultur in Hamburg". Denn die hell erleuchtete Säule ist leer.
Die Ausstellung, die nun wirklich jeder Harburger besuchen sollte, trägt den provozierenden Titel "Nichts ist erledigt". Wer sich die Auseinandersetzungen mit Franz-Josef Strauß ansieht und bedenkt, was dessen Kinder gerade treiben, der weiß, was gemeint ist.
Die Kunst von Klaus Staeck zielt auf den Menschen selbst. Sie verleitet vordergründig zum Schmunzeln oder Lachen, bis das Grauen der zweiten Ebene einsetzt. Die Doppelbödigkeit jedes verwendeten Satzes, jedes gezeigten Symbols fordert die Betrachter zur Stellungnahme heraus. Wie auch immer man zu den Objekten von Staeck steht gleichgültig lassen sie niemand. Und genau das ist ihre Stärke.
Phoenix-Fabrikhallen, Wilstorfer Straße 71, bis 30. April 2005, di-fr 14-18 Uhr, sa 11-18 Uhr geöffnet. Katalog 20 Euro.
