Zwölfjähriger mit Asperger-Syndrom fällt durchs "Raster" Lehrer überfordert

Gesucht: Eine Schule für den hochintelligenten Niklas

Claudius OssigWilstorf. Niklas (12) ist anders als die meisten Kinder. Er hat das Asperger-Syndrom eine Form von Autismus. Der Junge lebt in zwei...

Claudius Ossig

Wilstorf. Niklas (12) ist anders als die meisten Kinder. Er hat das Asperger-Syndrom eine Form von Autismus. Der Junge lebt in zwei Welten, einer emotionalen und einer intellektuellen. Er sieht Leute zum Beispiel nicht an, wenn er mit ihnen spricht. Das ist nicht böse gemeint er nimmt sie auditiv wahr, nicht visuell. Mit einem Intelligenzquotienten (IQ) von durchschnittlich 127 zählt er eigentlich zu den Hochintelligenten. Doch Niklas geht nicht mehr zur Schule. Denn in Hamburg gibt es keine Einrichtung, die solche Kinder adäquat fördern kann und deren Pädagogen mit dem Problem qualifiziert umgehen können.

"So wie Niklas ergeht es bestimmt mehr als 1000 Kindern in der Hansestadt", schätzt seine Mutter, Kerstin Rückerl. Auch sie würden "mit ihrer Andersartigkeit im Regen stehen gelassen".

Niklas hat eine Schul-Odyssee hinter sich. Überall gab es Probleme Beispiel Grundschule Kapellenweg: "Die Lehrerin hatte starken Leistungsdruck ausgeübt. Und wenn sie schrie, schrie Niklas zurück. Was ihm vorgemacht wird, kommt zurück." Niklas wurde zuerst von der regionalen Beratungs- und Unterstützungsstelle Rebus begleitet. Dann meinte eine Lehrerin, er könne auch ohne sie auskommen. Die Folge: Isolation in der Klasse aufgrund seines sozial ungeschickten Auftretens in der Gemeinschaft und Mobbing. Niklas wurde "zum Schlagen freigegeben". Er kam heulend nach Hause, wollte nicht mehr leben.

Kerstin Rückerl hätte sich gern eine Gymnasial-Empfehlung für ihren Sohn gewünscht, bekam sie aber wegen seines sozialen Verhaltens nicht. Als die Mutter dann das Asperger-Syndrom vermutete, schickte sie den Jungen zur Probeschulung in die Sprachheilschule Baererstraße. Das Problem dort: Niklas war kognitiv unterfordert. Er langweilte sich schnell, war hyperaktiv und wurde abermals zum Störfaktor wieder ein Negativerlebnis.

Nächste Station: eine Inte-grationsklasse an der Gesamtschule Harburg mit Einzelfallhilfe durch den Betreuungsverein "Insel e.V". "Doch die Lehrer konnten sich mit dem Problem nicht auseinandersetzen, weil sie dafür nicht geschult waren", sagt die Mutter. Im vergangenen Dezember kam es bei Niklas zu einer Reizüberflutung ("Overflow"): "Er rastete aus, trat gegen die Schultür, schlug aber niemanden. Ich habe ihn dann von der Gesamtschule genommen", so Kerstin Rückerl. Seitdem bleibt er zu Hause.

"Rebus stellte die Betreuung ein, weil keine Aussicht auf Beschulung bestehe. Mein Sohn hat aber ein Recht auf Bildung. Ohne die hat er keine Zukunft. Solche Kinder brauchen ein gutes soziales Klima, ohne Hauen und Mobben. Die Lehrer müssen sich auf ihre Ebene begeben. Doch da haben wir an den Regelschulen erhebliche Defizite", beklagt Kerstin Rückerl.

In der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie der Asklepios Klink Harburg, bei Rebus Harburg, beim Jugend- und Gesundheitsamt wird das ebenso gesehen. Gemeinsam schrieben Mitarbeiter an die Schulsenatorin: "Wir sind immer wieder mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung und/oder Verhaltensstörung im Regelschulsystem nicht oder nicht geeignet beschult werden können. Die vorhandenen Förderschulen kommen nicht in Frage, Inte-grationsklassen beziehungsweise -plätze sind weder in genügender Anzahl vorhanden noch bei einer Vielzahl der Störungen, die diese Schüler aufweisen, geeignet."

Dringend notwendige Angebote, die vom Lehrerschlüssel und Unterrichtskonzept her geeignet wären, auch psychisch kranke und verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche schulisch zu förden, existierten nicht. Ein Missstand, der bei den Betroffenen zu zahlreichen "gravierenden negativen Auswirkungen" führe.