Harburger Theater: Tosender Applaus für Thomas Borchert und "Novecento"
Auftakt mit Paukenschlag
Ernst BrenneckeHarburg. Der Weg zum Harburger Theater ist weiter geworden. Statt durch das Foyer müssen die Zuschauer derzeit einmal komplett um das...
Ernst Brennecke
Harburg. Der Weg zum Harburger Theater ist weiter geworden. Statt durch das Foyer müssen die Zuschauer derzeit einmal komplett um das Theater herumgehen und dann durch den Hintereingang hinein- und die Treppe hinaufgehen. Dabei kommen sie auch an denen im Hof provisorisch aufgestellten Toiletten vorbei. Alles nur ein Übergang, bis das neue, erweiterte Foyer fertig ist.
Die neue Spielzeit hat unabhängig von den äußeren Unbequemlichkeiten mit einem Paukenschlag begonnen. Eigentlich ist es auch kein Paukenschlag, sondern ein Naturereignis. Ein Wirbelsturm, der über die Bühne fegt, das Publikum mitreißt und auch ganz leise Töne anschlägt, unvermittelt auf den mitten auf der Bühne stehenden Flügel eindrischt und ihm auch selbst geschriebene Boogies entlockt. Dieses Phänomen heißt Thomas Borchert und beweist mit der 90-minütigen Vorstellung, dass er viel mehr ist als ein Musical-Star.
Borchert spielt "Novecento", die Legende vom Ozeanpianisten. Es ist die Geschichte eines Mannes, der auf dem Schiff "Virginian" geboren wird, dort auf unerklärliche Weise Klavier spielen lernt, dieses Schiff nie verlässt und auch an Bord bleibt, als es nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt wird.
Dabei ist es nicht eine Legende, sondern es sind mehrere, die Borchert nach und nach erzählt und immer wieder mit Musik unterbricht oder unterstreicht. Es beginnt mit der Legende vom Finden des Babys in einem Pappkarton, er folgt die Legende vom achtjährigen Wunderkind im Ballsaal, die Legende von der Bändigung des Meeres und die Legende von der Herausforderung eines Versuchers. Das klingt nicht nur alles nach Geschichten aus der Bibel, das ist auch die Annäherung an eine wundersame Person, die anders ist als wir.
Dieser "Novecento" (benannt nach dem Jahr seiner Geburt im Jahr 1900) lebt nur für seine Kunst und nur in seiner Welt. Er ist aber keineswegs weltfremd und kontaktscheu, vielmehr hat Autor Alessandro Baricco mit seinem Text die Vision eines reinen Menschen im 20. Jahrhundert entworfen. Es geht um Kunst, es geht um Freiheit, es geht um Auswanderer, es geht um Hierarchie, und es geht ganz am Rande auch um Liebe.
Thomas Borchert schlüpft im Laufe des Abends in viele verschiedene Rollen, manche sind nur einen Satz lang. Die Geschichte "Novecentos" wird aus der Sicht von dessen Freund, einem Trompeter geschildert. Höhepunkte sind das Spiel "Novecentos" während eines Sturms, bei dem der Pianist mit dem Ozean zu tanzen scheint. Und dann das "Duell" mit dem selbsternannten Jazzerfinder Morton, der auf der "Virginian" eine empfindliche Niederlage einstecken muss. In dieser dramatisch-musikalischen Szene offenbart sich Borcherts ganzes Können: Wie er hier die verschiedenen Beteiligten spricht und dann auch noch auf dem Klavier vorstellt, das ist ganz, ganz, hohe Kunst.
Atemlose Spannung herrscht schließlich im Theater, nachdem "Novecento" angekündigt hat, nach 32 Jahren in New York von Bord zu gehen, um das Meer von Land aus zu sehen. Er steigt die Gangway herab und bleibt auf der drittletzten Stufe stehen und verharrt . . .
Regisseur Martin Maria Blau hat in dem einfachen, aber effektvollen Bühnenbild von Franziska Gebhardt ein Maximum an Bewegungen und Emotionen zugelassen. Borchert nutzt diese Freiheit, aber er übertreibt nicht. Dazu überzeugt er mit seiner angenehmen und klaren Sprache.
Besser und überraschender hätte der Spielplanbeginn nicht ausfallen können. Nach der Premiere gab es tobenden Applaus, die meisten Zuschauer standen schon bei der ersten Verbeugung.
Die weiteren Vorstellungen: heute sowie Donnerstag und Freitag, 9. und 10. Oktober, jeweils ab 20 Uhr sowie morgen ab 15 Uhr.
