Gregor Gysi begeistert im Rieckhof
Rote Nelken für denAnwalt der Armen
Claudia MichaelisHarburg. Für den Kirchenmann ist die Anrede seiner ungewöhnlichen "Schäfchen" eine Premiere: Mit den Worten "Liebe 1.-Mai-Gemeinde...
Claudia Michaelis
Harburg. Für den Kirchenmann ist die Anrede seiner ungewöhnlichen "Schäfchen" eine Premiere: Mit den Worten "Liebe 1.-Mai-Gemeinde in Harburg" begrüßt Propst Jürgen F. Bollmann die mehr als 500 Zuhörer, die sich im rappelvollen Rieckhof drängen. In der ersten Reihe lauscht im schwarzen Anzug ein Mann den Worten des Theologen, der sonst eher selten in kirchlichem Umfeld die Stimme erhebt: Gregor Gysi, Bundestagsfraktionschef der Linken Gastredner der Harburger Maikundgebung am Himmelfahrtstag.
Thomas Bredow, Chef des DGB-Ortsverbands Harburg, und Jörn Borsum, Betriebsrat im Briefzentrum in Hausbruch, haben zuvor schon die Richtung vorgegeben: "Arbeitsplätze, die ein Brutto erwirtschaften, das zum Leben nicht reicht, braucht dieses Land nicht", hat Borsum festgestellt.
Bollmann nimmt den Ball auf, lenkt das Gewerkschafts-Thema auf christlichen Pfad. Als Arbeiterkind und Christ sei für ihn heute ein großer Tag. "Heute treten wir gemeinsam an die Öffentlichkeit und streiten für Gerechtigkeit und Solidarität", erklärt der Theologe. Niedriglöhne unter dem Existenzminimum entsprächen nicht christlicher Tradition. Manager, die sich ihr Geld doch für ihre hohe Verantwortung zahlen ließen, blieben den Beweis schuldig, dass sie verantwortlich handeln. Die Armut in Harburg seit gut analysiert, aber keineswegs gelöst. Auch früher habe es Arme gegeben, aber sie konnten am gesellschaftlichen Leben teilhaben, weiß Bollmann: "Heute haben Arme in der reichen Stadt keinen Platz."
Dann springt Gysi auf die Bühne, gibt mit großer Geste den Klassenkämpfer: Leiharbeit sei moderne Sklaverei, ruft er, aus einer kleinen Gruppe seien heute 800 000 geworden, dazu Minijobs und Niedriglöhne: "Wir müssen wieder lernen, uns zu wehren, denn nur was wir zulassen, kann auch umgesetzt werden. Wir lassen uns zuviel bieten", ruft Gysi und wünscht sich französische Verhältnisse, was das spontane Demonstrieren anbelangt.
Hart geißelt der eloquente Rechtsanwalt die Managergehälter, die maßlos geworden seien, "und die Unfähigen kriegen am meisten". Nein, er wolle nicht gleichen Lohn für alle, "ich bin ja kein Vollidiot". Aber die Unterschiede müssten nachvollziehbar sein, und das sei in Deutschland nicht mehr der Fall. Der Mindestlohn sei nur eine Frage des politischen Willens: "Wir brauchen ihn, damit alle in Würde leben können."
Der Saal tobt, und am Ende drückt ihm ein Zuhörer bewegt einen Strauß rote Nelken in die Hand. Viele möchten ihm die Hand schütteln und danken, denn irgendwie hat er allen aus dem Herzen gesprochen, "nur formulieren kann es keiner so wie er", flüstert ein älterer Gewerkschafter gerührt. Doch da ist der wortgewaltige Gast aus der Hauptstadt schon flink durch die Menge entschwunden.
Harburg. Für den Kirchenmann ist die Anrede seiner ungewöhnlichen "Schäfchen" eine Premiere: Mit den Worten "Liebe 1.-Mai-Gemeinde in Harburg" begrüßt Propst Jürgen F. Bollmann die mehr als 500 Zuhörer, die sich im rappelvollen Rieckhof drängen. In der ersten Reihe lauscht im schwarzen Anzug ein Mann den Worten des Theologen, der sonst eher selten in kirchlichem Umfeld die Stimme erhebt: Gregor Gysi, Bundestagsfraktionschef der Linken Gastredner der Harburger Maikundgebung am Himmelfahrtstag.
Thomas Bredow, Chef des DGB-Ortsverbands Harburg, und Jörn Borsum, Betriebsrat im Briefzentrum in Hausbruch, haben zuvor schon die Richtung vorgegeben: "Arbeitsplätze, die ein Brutto erwirtschaften, das zum Leben nicht reicht, braucht dieses Land nicht", hat Borsum festgestellt.
Bollmann nimmt den Ball auf, lenkt das Gewerkschafts-Thema auf christlichen Pfad. Als Arbeiterkind und Christ sei für ihn heute ein großer Tag. "Heute treten wir gemeinsam an die Öffentlichkeit und streiten für Gerechtigkeit und Solidarität", erklärt der Theologe. Niedriglöhne unter dem Existenzminimum entsprächen nicht christlicher Tradition. Manager, die sich ihr Geld doch für ihre hohe Verantwortung zahlen ließen, blieben den Beweis schuldig, dass sie verantwortlich handeln. Die Armut in Harburg seit gut analysiert, aber keineswegs gelöst. Auch früher habe es Arme gegeben, aber sie konnten am gesellschaftlichen Leben teilhaben, weiß Bollmann: "Heute haben Arme in der reichen Stadt keinen Platz."
Dann springt Gysi auf die Bühne, gibt mit großer Geste den Klassenkämpfer: Leiharbeit sei moderne Sklaverei, ruft er, aus einer kleinen Gruppe seien heute 800 000 geworden, dazu Minijobs und Niedriglöhne: "Wir müssen wieder lernen, uns zu wehren, denn nur was wir zulassen, kann auch umgesetzt werden. Wir lassen uns zuviel bieten", ruft Gysi und wünscht sich französische Verhältnisse, was das spontane Demonstrieren anbelangt.
Hart geißelt der eloquente Rechtsanwalt die Managergehälter, die maßlos geworden seien, "und die Unfähigen kriegen am meisten". Nein, er wolle nicht gleichen Lohn für alle, "ich bin ja kein Vollidiot". Aber die Unterschiede müssten nachvollziehbar sein, und das sei in Deutschland nicht mehr der Fall. Der Mindestlohn sei nur eine Frage des politischen Willens: "Wir brauchen ihn, damit alle in Würde leben können."
Der Saal tobt, und am Ende drückt ihm ein Zuhörer bewegt einen Strauß rote Nelken in die Hand. Viele möchten ihm die Hand schütteln und danken, denn irgendwie hat er allen aus dem Herzen gesprochen, "nur formulieren kann es keiner so wie er", flüstert ein älterer Gewerkschafter gerührt. Doch da ist der wortgewaltige Gast aus der Hauptstadt schon flink durch die Menge entschwunden.
