Ex-Patient bricht eine Lanze für angeklagten Substitutionsarzt Quathamer

"Er hat mein Leben gerettet"

Claudia MichaelisTostedt/Winsen. Die Anklage gegen den Winsener Arzt Hans Jürgen Quathamer, dem die Staatsanwaltschaft Verstoß gegen das...
Claudia Michaelis

Tostedt/Winsen. Die Anklage gegen den Winsener Arzt Hans Jürgen Quathamer, dem die Staatsanwaltschaft Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und Abrechnungsbetrug vorwirft, haben in Kreisen seiner ehemaligen Patienten ein heftiges Echo ausgelöst. Suchtkranke, die Quathamer im Rahmen seiner Nebentätigkeit in der Drogensubstitution betreut hat, brechen eine Lanze für den Mediziner und sehen den 60-Jährigen als Opfer einer Kampagne, die die für die Krankenkassen kostspielige Substitution in Verruf bringen soll.

Einer von ihnen ist Jürgen Lohmann aus Tostedt. Angesichts der aktuellen Vorwürfe gegen den Psychiater, der im Hauptberuf viele Jahre den Sozialpsychiatrischen Dienst beim Landkreis geleitet hat, will sein Ex-Patient nicht länger schweigen. Quathamer selbst sieht durch die aus seiner Sicht völlig unverständlichen Attacken gegen ihn sein Lebenswerk zerstört und ist nach einem Selbstmordversuch inzwischen selbst in Behandlung.

"Es ist traurig, wie dieser Mann von der Staatsanwaltschaft und der Kassenärztlichen Vereinigung kaputtgemacht wird", sagt Lohmann: "Wenn es Herrn Quathamer nicht gegeben hätte, wäre ich nicht mehr am Leben." Als er vor 16 Jahren schwerst drogenabhängig an Quathamer vermittelt und von ihm ins Polamidonprogramm aufgenommen wurde, sei er körperlich fast am Ende gewesen: "Ich hatte offene Arme und hätte nicht mehr lange zu leben gehabt, wenn ich so weitergemacht hätte. Dass ich wieder voll im Leben stehe und nicht mehr den Drogen hinterherjage, habe ich ihm zu verdanken", erzählt der gelernte Elektriker, der heute als gefragter Computerexperte arbeitet. Aus seiner eigenen Erfahrung kann er den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Quathamer habe seinen Patienten ohne die vorgeschriebenen strengen Kontrollen und Therapiepläne Methadon ausgegeben, nicht nachvollziehen. Konstant zweimal die Woche habe er bis zuletzt bei Quathamer erscheinen müssen, solange die Urinproben negativ waren. Waren sie positiv, mussten die Patienten täglich antreten, erzählt der 41-Jährige, der einen über die Maßen engagierten Arzt erlebt hat: "Herr Quathamer war 24 Stunden am Tag für seine Patienten da, man konnte ihn Tag und Nacht anrufen."

Auch in schwierigen Phasen habe sich Quathamer immer hinter ihn gestellt. Heute sei er sozial integriert, habe seit 15 Jahren einen festen Arbeitsplatz, der ihm viel Freude bereite, seit anderhalb Jahren sei er glücklich verheiratet, erzählt Lohmann: "Herr Quathamer hat mein Leben gerettet, deshalb tut es weh zu sehen, was jetzt mit ihm gemacht wird."

Die Abrechnungspraxis seines Arztes könne er naturgemäß nicht beurteilen, aber: "Ich würde meine Hand ins Feuer legen, dass er das Polamidon nicht unter der Hand verkauft hat," sagt Lohmann. Vielleicht sei Quathamer ein bisschen schludrig mit dem Papierkram gewesen, habe möglicherweise Rückkehrern ins Programm schon Polamidon verabreicht, wenn das offizielle Okay noch nicht dagewesen sei, versucht sich Lohmann die Vorwürfe zu erklären: "Aber wenn, dann hat er das immer im Sinne der Patienten getan."

Krass sei vielmehr, was geschehen sei, nachdem Quathamer im Sommer 2007 von der KV "kaputt gemacht" worden sei. Zuerst musste er zur Substitution nach Winsen, wo er mitten am Tag stundenlang auf den Arzt habe warten müssen. Zum Glück habe er einen Chef, der um sein Problem wisse und mit dem er habe reden können. "Wäre dem nicht so, wäre ich meinen Job los gewesen. Früher wurde darauf geachtet, dass die Patienten im sozialen Gefüge bleiben, heute interessiert das offenbar nicht mehr."

Zum Glück sei er jetzt bei einem anderen Arzt in Hittfeld untergekommen, "darüber bin ich heilfroh". Die Kassen wollten Geld sparen und setzten die Ärzte dermaßen unter Druck, dass sich kaum noch einer traue, Drogenpatienten zu behandeln, glaubt Lohmann: "Herr Quathamer hat das Wohl seiner Patienten an erste Stelle gesetzt. Das ist ihm zum Verhängnis geworden."