Neugrabener Eltern werden aktiv

Große Sorgen um das Gymnasium

Claudius OssigNeugraben. Die Hamburger Schulreform von Bildungssenatorin Christa Goetsch (GAL) spaltet die Elternschaft. Während die Befürworter von...

Claudius Ossig

Neugraben. Die Hamburger Schulreform von Bildungssenatorin Christa Goetsch (GAL) spaltet die Elternschaft. Während die Befürworter von der radikalen Umstrukturierung des Schulsystems mehr Chancengleichheit, bessere individuelle Förderung der Schüler und somit auch bessere Abschlüsse erwarten, sprechen die Gegner von "möglichem Chaos". Schüler müssten als "Versuchskaninchen" für "unausgegorene und übereilt durchgepeitschte Pläne" herhalten, heißt es.

In Neugraben haben sich Eltern jetzt zur "Interessengemeinschaft für den Erhalt der Gymnasien" zusammengeschlossen. Große Sorgen um den Fortbestand des Gymnasiums Süderelbe eint sie. "Frau Goetsch spricht von einem Gewinn für alle Schüler. Wir aber sehen den Wegfall von zwei gymnasialen Klassenstufen als Verlust an. Besteht denn nicht die Gefahr, dass Unterricht künftig auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner gefahren wird?", fragt Bettina Meyer, deren Kinder das Gymnasium Süderelbe besuchen.

Die Mitbegründerin der Interessengemeinschaft bezieht sich damit auf die Einführung der neuen Primarschule. Wie mehrfach berichtet, sollen alle Kinder unabhängig von ihrer individuellen Lern- und Leistungsstärke eine gemeinsame Schule bis zur siebten Klasse besuchen. "In der vierten Klasse ist es bereits jetzt so, dass Schüler riesige Unterschiede bei der Lern- und Leistungsbereitschaft aufweisen. Wir befürchten insgesamt sinkendes Niveau", sagt Dina Scholz. Leistungsstärkere Kinder würden ihrer Ansicht nach beim jetzigen System, das einen Wechsel aufs Gymnasium nach der vierten Klasse ermöglicht, besser gefördert.

"Zum effektiven Lernen gehört auch, dass Schüler, die lernwillig sind, in leistungsstarken Gruppen zusammenbleiben", betont Bettina Meyer. Sie bezweifelt, dass es funktionieren werde, den einen Schülern die erforderliche individuelle Förderung zukommen zu lassen und gleichzeitig die anderen auf hohem Leistungsstandard zu halten. Dabei stellt die Neugrabenerin klar: "Lernschwache Schüler müssen auch weiterhin stark gefördert werden. Der Leistungsstarke brauche nicht so viel Förderung. Die freiwerdenden Mittel sollte man gezielt für die Förderung Leistungsschwacher verwenden." Gute Schüler dürften aber nicht in Verantwortung für Leistungsschwache genommen werden: "Das ist Aufgabe von Gesellschaft und Lehrern."

Weitere Kritikpunkte der Eltern: Gymnasien böten bereits jetzt ab der vierten Klasse so gute Bedingungen im bilingualen, altsprachlichen, humanistischen und musischen Bereich, wie es die künftigen Primarschulen nie leisten könnten. Nach der sechsten Klasse falle manchem Schüler in der schwierigen Phase der Pubertät der Sprung aufs Gymnasium besonders schwer. "Wir haben Sorge, dass Talente verloren gehen können", sagt Claudia Leuschner.

Und völlig inakzeptabel sei, dass der Elternwille künftig nicht mehr entscheide, ob das Kind aufs Gymnasium gehen dürfe oder nicht. Das obliege allein der Lehrerkonferenz mit einer internen Vorgabe der Bildungsbehörde, dass nur noch 30 Prozent der Schüler aufs Gymnasium geschickt werden sollen. Daraus folgt für die Neugrabener Eltern: "Die Anmeldezahlen für Gymnasien werden sich verringern. Und manche dieser Schulen werden die für die Oberstufe geforderte Dreizügigkeit nicht mehr erreichen." Schulstandorte wür-den dann zur Disposition stehen. "Was auf uns zukommt, ist, dass diejenigen Eltern, die es sich erlauben können, ihre Kinder auf Privatschulen anmelden. In manchen Stadtteilen werden dann Gymnasien geschlossen", befürchtet Bettina Meyer. Sie kündigt Unterstützung für das Bestreben der Reformgegner an, die Hamburger Bildungsreform per Volksentscheid zu stoppen.

Auf Einladung der Interessengemeinschaft referiert Walter Scheuerl, Mitbegründer der Reformgegner-Initiative "Wir wollen lernen", am Mittwoch, 27. Mai, in der Aula des Gymnasiums Süderelbe, Falkenbergsweg 5, über die Primarschule. Beginn: 19.30 Uhr.