Harburgs Innenstadt wird drei Wochen zur Kunstplattform
Vom Himmel zur Hölle
Spätestens, wenn man den Parcours beendet hat und wieder am Bahnhof angekommen ist, weiß man, warum die Projektaktion des Kunstvereins Harburger...
Von Ernst Brennecke
Harburg. Spätestens, wenn man den Parcours beendet hat und wieder am Bahnhof angekommen ist, weiß man, warum die Projektaktion des Kunstvereins Harburger Bahnhof "10° Kunst: Harburger Berge" heißt. Denn es gibt umfangreiche Höhenunterschiede: Am Rathaus nahezu bin in den Himmel, an der S-Bahnstation Harburg Rathaus fast bis in die Tiefen der Hölle. Immer haben die einzelnen Stationen etwas mit der Stadt Harburg zu tun. So intensiv haben sich Künstler noch nie mit der Lage von Harburg an sich und mit der Situation von Harburg in der Welt auseinander gesetzt. Die beiden Kuratoren Tim Voss und Britta Peters haben damit ein Meisterwerk abgeliefert.
Das gesamte Projekt besteht aus Videoarbeiten, die im Kunstverein, in der Seevepassage sowie bei Quelle an der Lüneburger Straße zu sehen sind, drei Außeninstallationen am Rathaus, am S-Bahnhof Harburg Rathaus sowie in der ehemaligen Spielbank am Lüneburger Tor und aus einer Broschüre, die es an nahezu allen Harburger Kiosken zu kaufen gibt.
Die spektakulärste Installation steht vor dem Rathaus und ist exakt 86 Stufen hoch. Denn die muss man erst erklimmen, bis man einen gemütlich eingerichteten Wohnraum mit einer Wanduhr betritt, die einem seltsam bekannt vorkommt. Ganz klar, es ist die Uhr des Rathauses, die hier als Wandschmuck glänzt. Die aber auch alle bisherigen Gewohnheiten auf den Kopf stellt. Denn was bisher draußen war, ist plötzlich drinnen. Was bisher öffentlich war, ist nun privater Raum. Die Installation stammt von dem in Köln lebenden Japaner Tatzu Nishi, der in anderen Städten bereits ähnliche Konstruktionen ersonnen hat. Hier hat er eine Uhr als unbestechlichen Messer guter und schlechter Zeit mit in sein Werk einbezogen. Wie viel Zeit verbleibt dem Betrachter, wie viel Zeit Harburg?
Um die Internationalität Harburg geht es bei Ivan Moudrovs Installation am Lüneburger Tor. Harburg ist Sitz eines Bulgarischen Kulturinstituts geworden. Von Montag bis Freitag kann dort eine Ausstellung mit bedeutenden bulgarischen Kunstwerken besucht werden. Aber Vorsicht: Moudrov ist ein Taschenspieler, bei dem man ständig auf eine Überraschung gefasst sein muss. Hier geht es um das Thema Medienöffentlichkeit.
Ein öffentliches Spektakel hatte Matthias Einhoff auf dem Sand inszeniert. Elf Harburger Vereine waren dort mit ihrer Fahne aufgezogen und verkündeten ihre Botschaften. "Von hier bis in die ganze Welt" hieß es beim Kulturverein "Alles wird schön", der Harburger Briefmarkensammlerverein hatte die Losung "In der Philatelie und Numismatik spiegelt sich die Kultur eines Landes wider". Aus der Aktion entstand ein Videofilm, der auch Schützengilde, Landfrauen und die Freikirche "Christ's Ambassadors Church of God" mitmachten. Hier geht es um das Selbstverständnis der Vereine ebenso wie um die Wahrnehmung der Vereine in der Öffentlichkeit. Die Vereine stehen für Harburgs Tradition. Wie lange werden sie noch bestehen?
Otto Nicolai hat eine Kiosk-Broschüre geschrieben, die bereits von der Entstehung her so kompliziert ist, dass man Mühe hat, es zu verstehen. Also: Es handelt sich um eine Harburger Tagebuch, geschrieben von jemandem, der nie in Harburg war. Dennoch ist alles authentisch, denn der Künstler hat einen ihm selbst allerdings unbekannten Stellvertreter nach Harburg geschickt und hat dessen Material bearbeitet. Das ist ein postkartengroßes Büchlein geworden, in dem sich die Dialoge befinden von vier Tagen befinden. Dabei hat sich ein Hamburger als Tourist ausgegeben, der Harburg besucht. Dazu kommen mehrere Leporellos mir charakteristischen Harburg-Fotos. Nicolai nennt diese Art zu arbeiten das Prinzip des produzierten Zufalls. Die Dialoge sind für Harburg entlarvend - im Positiven wie im Negativen. Und spannend zu lesen.
Ebenfalls um die Innenstadt geht es in dem Panorama-Film, den die Gruppe "Zimmerfrei" in Harburg gedreht hat. Darin geht es um den Binnenhafen und die Fußgängerzone, die jeweils von Kameras gefilmt wurden, die sich langsam um die eigene Achsen drehten. Im fertigen Film ist allerdings alles im Zeitraffer zusammengeschnitten worden, sodass der Eindruck entsteht, der Seeveplatz sei der Nabel von Harburg. Der einerseits sehr poesievolle und andererseits sehr hektische Film ist nicht frei von humoristischen Überraschungen. Die kleine Schafherde, die plötzlich in der Fußgängerzone auftaucht, erweist sich als eminent logistisches Problem.
Bleibt der Abstieg in die Unterwelt. Das ist wörtlich zu nehmen. Julia Bünnagel hat die Utopie einer goldenen Stadt ausgerechnet dort künstlerisch verwirklicht, wo sich Harburgs riesiger unterirdischer Überlebensraum nach einer Nuklearkatastrophe befindet. Bisher war dieser unheimlich wirkende Raum hinter Schleusen und einer Dekontaminationsdusche allenfalls bei Führungen am Tag des Denkmals besucht werden. Der Eingang befindet sich hinter einer unscheinbar wirkenden Tür im Bereich der Treppen,die vom Herbert-Wehner-Platz aus zur S-Bahn führen. Julia Bünnagel frischt mit ihrer Arbeit mit dem beziehungsreichen Titel "All those tomorrows" das Märchen von den verborgenen Bodenschätzen auf.
Mit dieser ebenso umfangreichen wie überraschenden Ausstellung feiert der Kunstverein Harburger Bahnhof sein zehnjähriges Bestehen Er hat dazu sein Domizil im Bahnhof verlassen und den Weg zu den Harburgern gefunden. Jetzt liegt es an den Harburgern, diesen Ball aufzunehmen.
- Die Ausstellung wird heute um 14 Uhr vor dem Harburger Rathaus von Bezirksamtsleiter Torsten Meinberg eröffnet. Sie ist bis zum 1. November jeweils mittwochs bis sonntags von14 bis 18 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen beginnen jeweils sonntags um 15 Uhr im Kunstverein. Am Kulturtag (Sonnabend, 31. Oktober) beginnen die Führungen um 12, 14, 16 und 18 Uhr. Zu all diesen Zeiten ist das Info-Café im Kunstverein geöffnet.
Alle aktuellen Informationen im Internet unter www.harburgerberge.net
