Stellwerk
Wir machen dem Kiez Konkurrenz!
Das schlabberige olivfarbene T-Shirt hängt aus der Hose, dunkle Ränder um die Augen, und die Schiebermütze sitzt verrutscht auf den Haaren. Alexander Grieschat wirkt alles andere als ausgeschlafen: "Das sind noch die Auswirkungen vom Wochenende", entschuldigt sich der 28-Jährige.
Harburg. Sobald er aber auf das neue Projekt Stellwerk zu sprechen kommt, ist er plötzlich hellwach. Der junge Mann kann nicht nur feiern. Er weiß auch, wie Partys und Konzerte organisiert werden.
Genau das will Grieschat jetzt mit seinen Mitstreitern Stephan Röhler, Nandor Olah und Carsten Schölermann den Harburgern beweisen. Das ehrgeizige Ziel des Quartetts: Sie wollen dem Jazzclub Stellwerk im Harburger Bahnhof eine Frischzellenkur verpassen. Der erste Schritt ist radikal: Sie streichen den "Jazz" aus dem Namen. Das Programm im ersten Monat zeigt bereits die neuen Schwerpunkte: Rap, Hip-Hop, Funk. "Wir wollen aber langfristig für alle Musikrichtungen eine Bühne bieten", so Röhler.
Weg vom reinen Jazzclub, hin zu einem breiteren Publikum: "Wir sehen uns als ein Pendant zum Schanzen-Kiez und zur Reeperbahn", sagt Grieschat und verschränkt seine Arme. Seit drei Jahren organisiert das Team bereits als "Grossstatttraum" Konzerte in Clubs auf der nördlichen Elbseite. Events, die fast alle einschlugen. Erfolge, die selbstbewusst machten und zu dieser kühnen Idee führten. Statt einen weiteren Kiez-Club zu gründen, erkoren die Party-Macher Hamburgs Süden als Zentrum ihrer neuen Aktivitäten aus. Und das mit gutem Grund. Olah: "Wir hatten erfahren, dass sich der bisherige Betreiber des Stellwerks zurückziehen will. Der Laden hier direkt im Bahnhof hat eine einzigartige Atmosphäre. So etwas gibt es in ganz Hamburg nicht."
Dass die Elbe in den Köpfen vieler Hamburger als unüberwindbare Mauer wahrgenommen wird, weiß Olah am besten. Der 34-Jährige ist nicht wie die meisten seiner Mitstreiter erst in den Hamburger Süden gezogen. Er ist in Neuwiedenthal groß geworden und lebt jetzt in Heimfeld. "Wir sind nur vier Stationen vom Hauptbahnhof entfernt", lautet einer der Werbesätze.
Ihre Zielgruppe sind nicht nur Harburger und Hamburger, sondern auch ausgehfreudige Menschen aus der südlichen Metropolregion. "Die Leute sollen wieder merken: Hier fängt Hamburg an!", sagt Olah. Grieschat ergänzt mit einem Appell: "An alle Leute zwischen Stade bis Lüneburg: Zum Stellwerk sind es 20 Minuten weniger Bahnfahrt als bis zum Kiez."
Vierter im Bunde ist Carsten Schölermann: ein alter Hase in der Hamburger Livemusik-Szene. Der 52-jährige organisierte lange Jahre das Rockspektakel auf dem Hamburger Rathausmarkt, Konzerte unter anderem im "Logo", und er ist aktuell Betreiber des "Knust" an der Feldstraße unweit des St.-Pauli-Stadions. Was ihn an dem Projekt reizt: Er will vor allem mit seiner organisatorischen Erfahrung und dem Wissen über Finanzierungs- und Steuerfragen Aufbauhilfe leisten. Sein Ziel ist, dass die "drei Kinder in ein paar Jahren von diesem Laden leben können", sagt er und zeigt auf das Trio der Männer um die 30. Das würde auch bedeuten: Das Konzept ist aufgegangen.
