Frauen-Fußball boomt auch in Harburg Stadt und Land Die Solidarität der Vereine sinkt jedoch

Vom Kaffeeservice zum WM-Titel

Kaj MortensenHarburg. Von "moralisch verwerflich" bis zu "Schnittenkick ist schick": Kaum eine Sportart hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten...

Kaj Mortensen

Harburg.

Von "moralisch verwerflich" bis zu "Schnittenkick ist schick": Kaum eine Sportart hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eine so rasante Entwicklung genommen wie der Frauen-Fußball. Als die deutsche Nationalmannschaft 1988 Europameister wurde, gab es als Siegprämie für jede Spielerin noch ein Kaffeeservice und ein Bügelbrett. Mittlerweile ist Deutschland zweimal in Folge Weltmeister geworden, längst gibt es eine Frauen-Bundesliga und 2. Liga, zu den Spielen reisen selbst auf Bezirksebene reine Frauen-Schiedsrichter-Gespanne an. Frauen-Fußball ist gesellschaftlich akzeptiert ein Quantensprung in weniger als 20 Jahren.

In Hamburg gibt es im Liga-Bereich mittlerweile 33 Mannschaften. Genauso groß ist noch einmal die Zahl auf Jugendebene, auf der es zum Teil allerdings Siebener-Mann-schaften gibt. Ebenso erfreulich sind die Zahlen im Landkreis: Dort kicken inzwischen 48 Mannschaften. Längst gibt es so viele Spielerinnen, dass man in jedem Jahrgang eine Liga hat. Extrem positiv ist die Entwicklung bei den Frauen. Wegen zahlreicher neue Mannschaften musste man vor einem Jahr eine 1. Kreisklasse einführen, weil sonst die Kreisliga zu groß geworden wäre. Bei den D-Mädchen hat man sogar zwei Staffeln eingeführt, um dem Ansturm Herr zu werden. Mit dem Moorburger TSV und SV Wilhelmsburg (Erster und Zweiter in der Verbandsliga Hamburg) sowie der SG Jesteburg /Bendestorf (Vierter in der Niedersachsenliga West) gibt es zudem in Stadt und Land einige sportliche Aushängeschilder.

Was macht Frauen- und Mädchen-Fußball so attraktiv? Hans-Peter Niemann, der zusammen mit seiner Frau Christina beim TuS Fleestedt die zweite Frauen- und die B-Juniorinnen-Mannschaften trainiert, muss da nicht lange überlegen: "Erstens haben Mädchen ein kolossales soziales Verhalten, das sie dabei an den Tag legen. Zweitens sind Mädchen nicht so theatralisch, sondern reeller, und drittens ist der Sport bei denen nicht so aggressiv wie bisweilen im männlichen Bereich." Rolf Zeuke, Trainer der Wilhelmsburger Verbandsliga-Frauen, hat einen weiteren Moment ausgemacht: "Da es weniger aggressiv als bei den Männern zugeht, ist unser Sport im Vergleich etwa zu Handball vergleichsweise ungefährlich." Frauen-Spiele zu leiten, ist zudem bei den Schiedsrichtern beliebt, weil es im Gegensatz zu den Männerspielen kaum Pöbeleien und Aggressionen gibt.

Es gibt aber auch eine Schattenseite: Mittlerweile sind einige Vereine so erfolgreich, dass sie es mit dem Fluch des Erfolges zu tun bekommen. Beim TuS Fleestedt heißt das: Kapazitätsgrenze. Die Rot-Schwarzen haben in den vergangenen Jahren landkreisweit Maßstäbe im Frauen- und Mädchenfußball gesetzt. Mittlerweile spielen dort 108 weibliche Kicker in acht Mannschaften. Die müssen sich eigentlich mit 20 weiteren Männer- und Nachwuchsteams zwei Plätze am Höpen teilen. "Eigentlich unmöglich, wir mussten uns deshalb etwas einfallen lassen und sind mit den Mädchenmannschaften nach Hittfeld gezogen. Sonst hätten wir für diese keine Plätze mehr gehabt", so Niemann. Beim Hamburger Verbandsliga-Tabellenführer Moorburger TSV ist man ebenfalls an seine Grenzen gestoßen. Manager Jan-Peter Heinbockel: "Moorburg ist einfach zu klein, als dass man dort genug Spielerinnen für eine so hohe Klasse finden könnte. Wir mussten uns deshalb mit Kickerinnen von auswärts verstärken." Susanne Bien, Vorsitzende des Frauen-Fußball-Ausschusses im Landkreis, hat eine Veränderung im Miteinander ausgemacht: "Früher war der Umgang einfach besser. Wenn mal Engpässe da waren, hat man sich kurz angerufen und geholfen." Heute sieht das anders aus. Bien: "Da will im Erfolgsfall jeder das Rezept für sich behalten. Und es mehren sich Fälle, in denen der eine den anderen bei mir verpetzen will, um für sich einen Vorteil herauszuschlagen."

Unterschiedlich sind die Wahrnehmungen bei den Beteiligten über die Rolle der Medien als Bremser oder Förderer des Frauen-Fußballs. Rolf Zeuke, Trainer des SV Wilhelmsburg: "Frauen-Fußball wird in Deutschland nie ganz die Stärke von Männerfußball erreichen. Das liegt an den Medien, die uns wie ein Rotes Tuch behandeln. Wenn man ignoriert wird, fällt es schwer, etwas zu erreichen." Bien sagt dagegen: "Beim Frauen-Fußball boomt es im Nachwuchsbereich nicht nur, es kocht förmlich. Das haben wir der gestiegenen Aufmerksamkeit durch die Medien mit zu verdanken." Nach dem Gewinn des WM-Titels 2007 hat der DFB reagiert: Präsident Theo Zwanziger macht sich für Frauenfußball stark. Mit einer gezielten Nachwuchsförderung will er den deutschen Frauen-Fußball langfristig in der Weltspitze etablieren. Zwanziger fordert mehr Eliteschulen für den Nachwuchs.