Ralf Goltz: Leidenschaft Motorsport
Am Sonntag startet der 39-jährige Hollenstedter auf dem Estering. Sein Ziel: Deutscher Meister werden!. In einer zur Werksatt umgebauten Scheune an...
Am Sonntag startet der 39-jährige Hollenstedter auf dem Estering. Sein Ziel: Deutscher Meister werden!
Von Joachim Peters
Harburg/Grauen . In einer zur Werksatt umgebauten Scheune an der Dorfstraße in Grauen am Ortsausgang Richtung Moisburg wird dieser Tage ganz besonders gewissenhaft an einem Kleinwagen französischen Ursprungs geschraubt und getüftelt. Mit der vergleichsweise zahmen Straßenversion des von respektlosen Zeitgenossen, vornehmlich Besitzern Hubraum-gewaltiger und PS-starker Fahrzeuge, schon einmal abfällig in die Kategorie Sielverstopfer eingeordneten Citroën AX GTI hat die grün-weiße Karosse im Renntrimm von Ralf Goltz allerdings nur noch wenig gemeinsam.
Während die bis 1998 gebaute Serienversion aus ihre knapp 1,4 Litern Hubraum maximal 94 PS mobilisierte, wird das Goltzsche Gefährt zum wahren Geschoss. Was allerdings nur zum Teil an den rund 115 PS, die sich aus dem Serienmotor herauskitzeln lassen, sondern zum Großteil am Gewicht liegt: Von jeglichem Ballast - wie zum Beispiel Armaturenbrett, Sitze und Innenverkleidung - befreit, hat der AX jetzt nur noch ein "Kampfgewicht" von gerade einmal 750 Kilo und ist damit - trotz Käfigs und eines minimal gepolsterten Schalensitzes - rund 150 Kilo leichter als das Modell für den Hausgebrauch.
Was den AX aber endgültig straßenuntauglich, weil nicht mehr zulassungsfähig macht, ist seine von lästigen Hemmnissen befreite Auspuffanlage: Nach Drücken des Anlasserknopfes entfaltet sich die Geräuschkulisse nach der alle Motorsport-Fans süchtig sind und ohne den dieser eigentlich undenkbar ist: Oder können Sie sich ein Autorennen mit von flüsterleisen Elektromotoren angetriebenen Fahrzeugen vorstellen? "Völlig unmöglich!", sagt Ralf Goltz: "Das wäre wie 'ne Frittenbude ohne Pommes oder die Bahn ohne Verspätung." Der 39-jährige gebürtige Harburger, der in Hollenstedt lebt, müsste es eigentlich wissen. Schließlich ist er in jeder Beziehung vom Fach: Der gelernte Autoschlosser, der inzwischen als Betriebsleiter einer Pkw-Waschstraße in Buxtehude arbeitet, ist nach eigenem Bekunden ein "unheilbar mit dem Motorsport-Virus Infizierter", wie er es nennt. Sein Metier: Rallycross - siehe dazu auch Hintergrund unten rechts.
Seit 2006 startet Goltz mit seinem AX Baujahr 1995 in der sogenannten Division 5 für seriennahe Fahrzeuge. Das ist die Einsteigerklasse, "in der Motorsport auch für kleines Geld möglich ist", sagt er mit Blick auf die rund 15 000 Euro, die eine Saison kostet. Allein ein Satz Reifen, der mindestens an einem Renn-Wochenende "verbannt" wird, schlägt mit knapp 1000 Euro zu Buche.
Es gibt nur wenige Sportarten, bei denen der Erfolg deren Protagonisten derart abhängig vom Material ist, wie beim Motorsport: Ohne Moos nichts los, heißt die Devise. Was nützt das größte Talent, wenn man in einer lahmen Kiste sitzt? Ohne Sponsoren läuft da in der Regel nichts. Auch nicht bei Goltz, der wie der Großteil seiner Konkurrenten in der Division 5 Amateurstatus genießt und "nur" aus Spaß über Schotter und Asphalt heizt. Das ist in den anderen Klassen beziehungsweise Divisionen mit ihren Autos, die von 500 PS und mehr angetrieben werden, schon anders. "Dort sind die Fahrer größtenteils angestellt, bekommen ihre Wagen hergerichtet - zum Teil sogar mit Werksunterstützung", so Goltz. Bei ihm geht's dagegen bodenständig zu: Er baut auf viel Eigenarbeit, familiäre Hilfe von Bruder Benjamin, Vater Hans-Dieter sowie von seinem ältesten Sohn Dustin (15) und kann sich zudem auf eine Handvoll Motor- beziehungsweise Rallyesportbegeisterte "gute Bekannte", wie er seine Sponsoren nennt, verlassen.
Und dass Letztere zumindest in dieser Saison auf den richtigen Fahrer gesetzt haben, zeigt ein Blick auf den Zwischenstand der Deutschen Meisterschaft in der Division 5: Die führt Goltz nach vier von sechs Rennen mit klarem Vorsprung an und hat dazu am kommenden Wochenende beim vorletzten Saisonrennen Heimvorteil: Mit einem Sieg am Sonntag auf dem Estering könnnte der 39-Jährige seinen ersten DM-Titel schon unter Dach und Fach bringen und das Saisonfinale am 18. Oktober in Gründau bei Frankfurt sozusagen zum Schaulaufen nutzen. Womit er seinem nächsten Projekt "Klassenwechsel beziehungsweise Aufstieg in die Division 4 oder 1a" einen ganz beträchtlichen Schritt näher wäre.
Und deshalb wird - womit wir wieder am Anfang dieser Geschichte sind - in der Grauener Scheune dieser Tage besonders gewissenhaft geschraubt. Denn einen Ausrutscher aufgrund eines technischen Defekts möchte sich Goltz am Sonntag auf seiner Hausstrecke auf gar keinen Fall leisten. Stattdessen will er seine Chance nutzen und schon auf dem Estering "den Sack zumachen", wie er voller Optimismus sagt: "Man muss sich etwas trauen."
Und mit welcher Taktik soll dies gelingen? "Mit der, die generell im Motorsport gilt - bei Stoppelfeldrennen ebenso wie in der Formel 1", sagt Goltz: "Den Start gewinnen, als Erster in die erste Kurve gehen und das Rennen von vorn gewinnen. Dann hält man sich aus dem möglicherweise tödlichen Gemetzel der Verfolger heraus."
Wer miterleben will, ob Goltz dies gelingt: Das Training beginnt am Sonntag bereits am Vormittag um 8.30 Uhr, die Finalläufe um 15 Uhr.
Den Start gewinnen, als Erster in die erste Kurve gehen und das Rennen von vorn gewinnen. Dann hält man sich aus dem möglicherweise tödlichen Gemetzel der Verfolger heraus.«
