Mahir Oral

Bildung auf einen Schlag

Im ersten Stock eines Gewerbebaus in Hammerbrook: Während sich der Rest der Gruppe mit Situps und Liegestützen quält, steht ein durchtrainierter Mann mit den großen Pratzenhandschuhen in einem der beiden Ringe. Einzeltraining für einen Jugendlichen. Die jungen Faustkämpfer von "Box-Out" blicken auf zu ihrem Coach. Es ist Mahir Oral, der "Löwe". Zweimal hat der 31-Jährige, der in Finkenwerder aufgewachsen ist, um den Weltmeistergürtel im Mittelgewicht geboxt.

Harburg. Nach dem technischen K.o. gegen Artur Abraham im Juni 2009 und der Punktniederlage gegen Sebastian Sylvester im Oktober 2010 war es ruhig um Oral geworden. Doch jetzt will Oral es noch einmal wissen. Die Rückkehr in den Ring ist geplant. Längs aber dreht sich sein Leben nicht mehr nur ums Boxen. Er hat erkannt, dass er auch etwas anderes braucht: Bildung.

Die entscheidende Weichenstellung in seiner Karriere erlebte der Deutsch-Türke nach seinem letzten Profi-Kampf. Im dänischen Herning musste er im Februar 2011in Runde 2 gegen Joszef Matolcsi aus Ungarn aufgeben. "Meine ganze rechte Seite hat nicht mehr funktioniert." Eine Untertreibung für beginnende Lähmungserscheinungen. Der vierte, fünfte und sechste Halswirbel drückte auf einen geschwollenen Nerv. Die Ursache dafür waren nicht die Schläge, "sondern jahrelange falsche Belastungen im Training", sagt Oral.

Durch eine mehrwöchige Spritzen-Kur gewann er seine Gesundheit zurück - und bekam prompt das Angebot für einen neuen Kampf. Ein Ausscheidungsduell für einen Titel-Fight im Supermittelgewicht. Auf der Suche nach einem Trainer erinnerte sich Oral an Christian Görisch (41), der ihn in den 1990er-Jahren als Hamburger Verbands-Trainer betreut hatte. Der gebürtige Harburger ist Geschäftsführer von "Box-Out". Das Hamburger Projekt setzt sich für Integration und Gewaltprävention durch Boxen ein.

Doch Görisch hatte eine andere Idee: Erst die Bildung, dann das Ringgeviert. Und Oral war schnell überzeugt. Er verzichtete auf den Kampf und heuerte als Trainer bei "Box-Out" an. Dort will der 31-Jährige, der nach der Hauptschule die Lehre zum Konstruktionsmechaniker zugunsten der Boxkarriere abgebrochen hatte, seinen Realschulabschluss nachholen. Dann soll eine pädagogische Ausbildung folgen.

Vormittags stehen jetzt Mathematik und Biologie auf dem Stundenplan, nachmittags Training. Für die Kinder und für ihn. Denn der Löwe ist hungrig. "Der Traum ist immer noch am Leben", sagt Oral - und denkt dabei an einen WM-Kampf. "Für Mahir geht es nicht um schell oder langsam. Es geht um richtig oder falsch", so Görisch. In Top-Form ist Oral - noch - nicht. Aber durch die Arbeit mit Trainer Vardan Zakarjan könne er in kürzester Zeit mit einer gezielten Kampfvorbereitung beginnen.

Künftige Börsen will er "Box-Out" zur Verfügung stellen. Denn die Ziele der gemeinnützigen Einrichtung sind auch seine. Vor allem die Integration ist Oral, der auf Finkenwerder in einem traditionellen türkischen Haushalt aufgewachsen ist, eine Herzensangelegenheit. Er weiß, wie wichtig Sport für Migranten-Kinder ist, um nicht auf die schiefe Bahn zu geraten.

Görisch: "Mahir ist für uns ein Glücksfall." Als Vorbild und vielleicht auch irgendwann als Champion.

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"Box-Out"

Seit 2007 betreibt der gebürtige Harburger Christian Görisch das Projekt "Box-Out", das beim Herausboxen aus einer schweren Situation helfen soll. "Gewaltprävention an Schulen - Integration durch Menschen" hat Görisch das Projekt überschrieben. Weitere Informationen unter www.box-out.de