Torlinien-Elektronik kommt

Schiedsrichter pfeifen auf FIFA

Ihre Pfiffe entscheiden Spiele. Schiedsrichter müssen innerhalb von Sekunden Spielsituation erkennen und beurteilen. Fouls, Abseits, nicht selten auch, ob ein Ball hinter der Torlinie war. Und nicht immer liegen die Unparteiischen richtig mit ihren Entscheidungen. Bei der EM war jüngst Deutschlands Vorzeige-Schiedsrichter Wolfgang Stark im Spiel Spanien gegen Kroatien in die Kritik geraten. Er hatte zwei klare Elfmeter nicht gegeben.
Schiedsrichter

Fußball-Schiedsrichter im Landkreis Harburg: Harald Meyer (links) und Robert Hartmann zeigen die Gelb-Rote Karte fürdie neue Torlinien-Technik.

Neu Wulmstorf. Passiert sind solche Fehler auch schon Harald Meyer und Robert Hartmann. Beide Schiedsrichter, beide aus Neu Wulmstorf. Und beide pfeifen sie aus Leidenschaft. Der Unterschied: Meyer hat mit seinen 74 Jahren bereits mehr als 3100 Spiele geleitet - Hartmann pfiff mit seinen 17 Jahren erst rund 100 Spiele. Das Duo eint jedoch die Kritik an der FIFA-Entscheidung, wonach bereits im Dezember der elektronische Torwächter eingeführt wird.

Dabei sollen das bereits aus dem Tennis erprobte Hawk-Eye zur Überwachung der Torlinie (Torkamera) als auch das GoalRef-System (Computer-Chip im Ball) zum Einsatz kommen. Hawk-Eye zeichnet alles auf und sendet bei einem Tor ein Signal an die Armbanduhr des Schiedsrichters. Das GoalRef-System geht weiter: Im Torraum wird ein Magnetfeld erzeugt - der Ball enthält drei Magnetspulen. Überschreitet der Ball die Torlinie, geht das Signal an die Uhr des Schiedsrichters.

"Eine zweifellos tolle Technik", sagt Routinier Meyer: "Doch Fußball sollte nicht automatisiert werden. Ich kann verstehen, dass es einen Wunsch nach klaren Entscheidungen gibt. Aber zuviel Technik zerstört diesen Sport", sagt Meyer. Und: "Tatsachenentscheidungen sind eben das Salz in der Suppe eines jeden Schiedsrichters."

Meyer muss es wissen: Seit 1964 ist er der "Mann in Schwarz" und hat sich bis zur damaligen Verbandsliga (heute Regionalliga) hochgepfiffen. 1967 hörte er als aktiver Spieler für den TSV Elstorf auf. Denn: "Irgendwann muss man sich entscheiden - entweder spielen oder pfeifen", sagt Meyer, der heute nur noch Spiele auf Kreisklassen-Niveau leitet. Denn mit 45 Jahren ist Schluss im höherklassigen Bereich - selbst die Kreisliga ist dann tabu.

Dahin will sich Robert Hartmann vom TVV Neu Wulmstorf erst "hochdienen". Der frischgebackene Abiturient, der früher für den Buchholzer FC gekickt hat, ist seit drei Jahren "Schiri". "Mir macht es einfach Spaß, ein Spiel zu leiten. Außerdem stärkt die Aufgabe das Selbstbewusstsein", sagt Hartmann.

Meyer pflichtet ihm bei: "Wir als Ehrenamtliche der Vereine machen sauberen Fußball erst möglich. Wer sich Respekt durch Körpersprache und Pfeife auf dem Platz verschafft, ist der 23. Spieler." Überhaupt hält der "Senior", der seit 1964 nicht mehr als zehn rote Karten verteilt haben will, auf den "Youngster" große Stücke. "Nur durch Leute wie Robert Hartmann hat der Fußball auf lokaler Ebene noch eine Zukunft", sagt der gelernte Stahlbauschlosser und langjährige Schulhausmeister. Der Schiedsrichterverband im Landkreis Harburg bildet jedes Jahr rund 50 "Nachwuchs-Pfeifen" aus. Und das soll auch so bleiben - trotz aller technischen Neuerungen.

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Start an der Pfeife ab 14

Der Einstieg als Schiedsrichter ist mit 14 Jahren möglich. Wer Lehrgänge besucht und sich entsprechend empfiehlt, kann sich "hochdienen" - vorausgesetzt, man besteht die jährlichen Leistungstest aus Theorie und Praxis (Konditionsprüfung). In der Bundesliga werden dem Referee 3800 Euro pro Spiel gezahlt. Als Nachwuchs-Schiri fängt man mit 15 Euro plus Kilometer-Geld an. 248 Unparteiische (davon 30 Frauen) zählten 2011 zum Schiedsrichterverband im Kreis Harburg, der damit in Niedersachsen eine Spitzenposition einnimmt.