Nachbarschaftsstreit

"Meistens wird um Bäume gestritten"

"Ich bin kein Richter! Ich habe versucht, Lösungen zu finden, mit denen beide Seiten miteinander leben können." Nach 23 Jahren ist Manfred Hachenberg als Schiedsmann aus seinem Amt ausgeschieden.
Pers

Manfred Hachenberg schied nach 23 Jahren als Schiedsmann aus.

Maschen.  Fast ein Vierteljahrhundert hatte der Maschener den Schiedsamtsbezirk Einheitsgemeinde Seevetal III - der die Orte Maschen, Horst, Hörsten, Holtorfsloh, Ohlendorf und Ramelsloh umfasst - betreut.

"Im Jahr waren es so zwischen drei und acht Fälle", sagt der74-Jährige. Dabei ging es fast ausschließlich um Nachbarschaftsstreitigkeiten. Der Schiedsmann bemühte sich stets, die Streitparteien das Problem auch einmal aus der Sicht des Nachbarn betrachten zu lassen - der erste Schritt zum Erfolg.

"In 80 Prozent der Fälle waren Bäume der Grund der Streitigkeiten", zieht der ausgeschiedene Schiedsmann seine Bilanz. So kann er daran auch typische Fälle für sein Wirken festmachen. Eine Regelung des Niedersächsischen Nachbarschaftsgesetzes besagt, dass Bäume nur eine bestimmte Höhe haben dürfen. Diese richtet sich nach ihrem jeweiligen Abstand zur Grenze - zum Beispiel fünf Meter Höhe bei 1,25 Meter Abstand zum Nachbarn. Bäume, die bereits fünf Jahre lang die zulässige Höhe überschritten haben, dürfen nur noch so hoch bleiben, wie sie zum Zeitpunkt der Beschwerde des Nachbarn sind, müssen also immer wieder zurückgeschnitten werden. Vorher durften sie "in den Himmel" wachsen.

"Ein idiotisches Gesetz", erinnert sich Hachenberg an seine ersten Gedanken, als er von der Neuregelung im Jahr 2006 hörte. Aber er fand eben durch die vermeintlichen Schwächen des Gesetzes schnell eine Möglichkeit die "Streithähne" ins Gespräch zu bringen und individuelle Lösungen für das jeweilige Problem zu suchen. Das Ergebnis wurde dann im Protokoll festgehalten und ist für mindestens 30 Jahre rechtsverbindlich. "Seitdem habe ich vier Fälle auf diese Weise geregelt", sagt der Maschener. Er schätzt, dass unter seiner Vermittlung 65 Prozent der Fälle, die ihm vorgetragen wurden, gemeinschaftlich gelöst wurden. "Von dem Rest weiß ich auch nur einen Fall, der letztendlich vor Gericht gegangen ist." Er geht davon aus, dass die Nachbarn nach den Terminen "wieder miteinander geredet haben".

Zwei Ereignisse brachten den in Neuwied am Rhein geborenen Logistiker dazu, sich ehrenamtlich zu engagieren: Als ihn sein Beruf erstmals mit dem Wohnsitz in eine ländliche Gegend bei Hannover brachte, wurde seine Frau krank. Aus heiterem Himmel hätten sich Nachbarinnen angeboten, bei der Hausarbeit unter die Arme zu greifen. Einige Jahre später war er im Spätsommer damit beschäftigt, eine alte Buchsbaumhecke herauszureißen. Nachdem ein Mann 20 Minuten zugeschaut hatte, holte er seinen Trecker, und schnell war das Problem gelöst. Streit gab es dann, als Hachenberg ihm 20 Mark für seine Hilfe anbieten wollte. "Das hat mich so eingenommen, dass ich mir überlegt habe, dass man sich umeinander kümmert." So engagierte er sich, als es ihn 1978 beruflich nach Hamburg und privat nach Maschen zog, im Kirchenvorstand, als CDU-Mitglied im Orts- und Gemeinderat sowie im Kreistag und eben als Schiedsmann. Vor allem während seiner beruflichen Tätigkeit, in der er oft den Wohnort wechselte und 50 Länder besuchte, wurde er immer von seiner Frau Helga unterstützt. "Ich bin ihr extrem dankbar, dass sie mir den Rücken freigehalten hat."

Nicht nur das Alter bewegte den mittlerweile geprüften Mediator dazu, sein Engagement zu beenden: "Es ist die Tatsache, dass ich das Gefühl habe, dass die Gesellschaft immer egoistischer und oberflächlicher geworden ist." Die Menschen wollten möglichst kein Geld ausgeben und möglichst viel kassieren. Statt "Was kann ich für die Gesellschaft tun?" heiße es heute: "Was kann die Gesellschaft für mich tun?"