Eißendorf
Nach dem Beruf Zeit für die Berufung
Es gibt Menschen, die legen nach dem Eintritt in den Ruhestand die Hände in den Schoß. Zu diesen gehört Anny Drescher nicht:
Eißendorf. Die Eißendorferin begann nach ihrem Abschied als stellvertretende Schulleiterin In der Alten Forst ein zweites Berufsleben als Schriftstellerin und Übersetzerin. Heute wird sie 85 Jahre alt. Langjährigen HAN-Lesern ist Anny Drescher keine Unbekannte: Sie gehörte beispielsweise zu jenen, die in den 1990er-Jahren etwas in der Serie "Senioren schreiben Kurzgeschichten" veröffentlichten. Ihre Gedichte, Geschichten und Märchen hat sie aber auch bei zahlreichen Lesungen in Harburg und jenseits der Elbe vorgetragen, sie sind auch im Buchhandel erhältlich.
Schon während ihrer Zeit als Grundschullehrerin hatte Anny Drescher begonnen, Material zu sammeln und sich selbst Geschichten auszudenken. Die Pädagogin, die hauptsächlich Mathematik und Englisch unterrichtete, war zunächst an der Schule Bunatwiete tätig und später an der Schule In der Alten Forst. Zu ihrem ersten Publikum zählten auch ihre eigenen fünf Kinder und die 14 Enkel. Mit ihrem Mann, dem Archäologen Hans Drescher (87), lebt sie bis heute im eigenen Haus in Eißendorf. Viel Zeit verbringen die beiden mittlerweile aber auch in ihrer Wohnung in Bad Füssing in Bayern - dort wird heute auch der Geburtstag gefeiert.
Nach ihrer Pensionierung begann Anny Drescher nicht nur mit dem Schreiben und engagierte sich in der Hamburger Autorenvereinigung: Sie studierte auch Italienisch, Französisch und Neu-Griechisch an der Axel-Andersson-Akademie in Hamburg. Eine ganz besondere Verbindung pflegt sie zu der süditalienischen Stadt Benevento: Mit Ennio Jevolella, Professor an der dortigen Universität, hat sie gemeinsam einen Gedichtband herausgegeben, wobei sie sich ihre Gedichte gegenseitig übersetzten. 1992 erhielt sie den Ehrenpreis "Lebenslanges Lernen" vom Verband Deutscher Fernschulen.
Anny Dreschers Lyrik beschreibt Gedanken und Gefühle auf für jedermann verständliche Weise. "Hier bin ich geboren, hier wuchs ich auf. Eltern und Großeltern lebten in dieser Stadt, am Rande der Ölindustrie", beginnt ihr Gedicht über ihre "Stadt an der Elbe", die während ihrer Kindheit noch Harburg hieß. Immer wieder Thema sind in ihren Werken Krieg und Vertreibung: Sie selbst hatte 1943 gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder im Zuge der Kinderlandverschickung für ein Jahr nach Wien gehen müssen.
Keineswegs sind ihre Geschichten jedoch trübsinnig, im Gegenteil: Sie lassen Raum für Hoffnung. Aber auch die Reisen mit ihrem Mann sowie die Lektüre der HAN sorgten für Inspiration - aus den Polizeimeldungen machte sie einen Krimi.
Anny Dreschers Bücher sind im Mohland-Verlag, Goldebek, bei Sonnenreiter, Langenhorn, im Zwiebelzwerg-Verlag, Willebadessen, und weiteren erschienen.
