Migranten
"Bunter Hund" vom Rathausplatz
Der Brief enthielt Geld, war nicht korrekt adressiert und kam trotzdem an der richtigen Adresse an - bei "Ibo am Rathausplatz in Harburg". Ibrahim Batal war nicht erstaunt, dass ihm der Umschlag trotzdem zugestellt wurde: "Ich bin eben bekannt wie ein bunter Hund, und ich hab’ ein sehr buntes Leben", stellt er lächelnd fest.
Harburg. Der Mann aus Mittelanatolien lebt schon seit drei Jahrzehnten in Hamburg. Zuerst in Wilhelmsburg, dann in Neuenfelde ("Da hab’ ich gelernt, ein bisschen Platt zu schnacken!") und jetzt in Harburg, wo er auch berufstätig ist: Seit mehr als zehn Jahren betreibt Batal einen größeren Kiosk am Harburger Rathausplatz. Ursprünglich habe er etwas ganz anderes machen wollen, berichtet er: "Mein Vater war als Gastarbeiter zur Sietas-Werft gekommen, und ich sollte und wollte studieren. Mein Vater hatte schon Geld auf die hohe Kante gelegt, um mir das zu finanzieren. Aber dann erlitt er einen sehr schweren Unfall, und die ganze Lebensplanung wurde über den Haufen geworfen."
1977 hatte Ibrahim Batal als15-Jähriger zum ersten Mal deutschen Boden betreten, um auf Wunsch seines geliebten Vaters Deutschland und die deutschen Verhältnisse kennenzulernen, um hier später studieren zu können. "Ich bin fast wie ein Einzelkind aufgewachsen", berichtet "Ibo", der in der Mittelschule schon Deutsch gelernt hatte. Seine Schwester ist zehn Jahre älter, sein Bruder fünf Jahre jünger. So kam es, dass er der Einzige war, der seinem Vater nach Deutschland folgte. Die Familie wollte in der Türkei bleiben.
Einige Monate später kehrte auch der junge Ibrahim wieder in sein Heimatland zurück. Als er ein knappes Jahr später wieder seinen Vater, der mittlerweile zur "Phoenix" gewechselt war, besuchte und bei ihm auf der Veddel wohnte, geschah das furchtbare Unglück: "Er wurde von einem Lastwagen angefahren und erlitt lebensgefährliche Kopfverletzungen." Wenige Jahre später starb sein Vater in der Türkei.
Dessen Schicksal habe ihn aus der Bahn zu werfen gedroht, sagt Ibrahim Batal. Er sei an "falsche Freunde geraten", erzählt er: "Die waren an dem Geld interessiert, das eigentlich für mein Studium vorgesehen war." Er sei naiv gewesen, habe viel zu spät bemerkt, dass er ausgenommen wurde: "Ich war damals noch sehr jung, war auf einmal allein - tja, und viel zu gutgläubig." Die Ausländerinitiative Wilhelmsburg habe sich schließlich seiner angenommen: "Die haben mir wirklich sehr geholfen." Auf deren Veranlassung zog Ibrahim, der nun als Ältester der Geschwister auf einmal Familienvorstand geworden war, nach Wilhelmsburg und machte eine Metaller-Ausbildung. Er fand eine Arbeit als Maschinenführer.
Doch seine "falschen Freunde", zu denen - wie er einräumt - auch Landsleute gehörten, ließen nicht locker. Sie hätten ihn immer wieder angepumpt, berichtet Ibrahim Batal: "Mir blieb kaum Geld zum Essen übrig, ich wusste nicht, wie ich aus dieser Situation rauskommen sollte." Er vernachlässigte seine Arbeit, ihm wurde die Stelle gekündigt, und er verlor seine Wohnung: "Das war eine schlimme Erfahrung." Er habe aber nicht aufgeben wollen, sagt Batal. Denn in der Türkei hatte er zwischenzeitlich seine spätere Frau kennengelernt, die er 1981 heiratete.
Weil er eine Familie gegründet hatte, wollte Batal raus aus dem unsteten Leben, wollte arbeiten und sich eine Existenz aufbauen, um seine Familie nachholen zu können. "Das klappte erst 1989", erzählt der gelernte Heizungsmonteur. 1998 entschied er sich für die Selbstständigkeit: "Seither habe ich fast kein Privatleben mehr, das bedeutet Arbeit rund um die Uhr." Einige seiner mittlerweile sechs Kinder und seine Frau helfen im Laden mit: "Ohne sie würde ich es nicht schaffen."
