Migranten-Serie
"Die Zukunft ist das Wichtigste"
"Oma gab den Ausschlag", verrät Tanja Brant , "dann packten wir die Koffer." Im Winter 1996 verließ die Familie die Heimat, ein kleines Dorf bei Omsk in Sibirien, mit dem unbekannten und ungewissen Ziel Deutschland. Der Schritt sei weder alt noch jung leicht gefallen, sagt die 49-Jährige.
Tostedt. Die Familie musste nicht nur die vertraute Umgebung und Freunde zurücklassen, sondern auch das gewohnte Berufsleben: Tanja Brant war Lehrerin, hatte Mathematik und Physik unterrichtet; ihr Mann Friedrich war als Tierarzt tätig. Die Eheleute wussten, dass es schwer werden würde, in der neuen Heimat beruflich Fuß zu fassen. "Doch die Sorge um unsere drei Söhne Andreas, Klaus und Florian war stärker", sagt die Frau, die heute in Tostedt lebt, "sie sollten zum Militärdienst eingezogen werden." Als Mitglieder der deutschen Volksgruppe, als sogenannte Russlanddeutsche, hätten die Jungen dort einen schweren Stand gehabt, hätten Repressalien befürchten müssen.
Schweren Herzens verließen Tanja und Friedrich Brant mit ihren drei Söhnen und Tochter Olga, mit Friedrich Brants Mutter (2007 verstorben) sowie Tanja Brants Schwester und deren Familie ihre Heimat. Ein Grenzübergangslager in Bramsche war die erste Station in Deutschland. Dann verschlug es sie in den Landkreis Harburg.
"Der Anfang 1996, 1997 war schwer", gesteht Tanja Brant. Trotz der Deutschkenntnisse, die sie von Omsk mitgebracht hätten, trotz aller Bemühungen sei das Leben in Tostedt eine "böse Umstellung" gewesen: "Wir mussten längere Zeit in Kellerräumen außerhalb des Ortes leben. Das war eine große Belastung." 2000 fanden sie ein gepflegtes Domizil in einer ruhigen Wohnstraße, wo sie heute noch leben.
Andreas und Florian kamen auf Wunsch der Eltern auf eine Förderschule für Russlanddeutsche in Celle, und auch der Rest der Familie bemühte sich, die mitgebrachten Deutschkenntnisse zu vertiefen. In ihren ursprünglichen Berufen fanden sie trotzdem keine Arbeit, denn die Diplome werden in Deutschland nicht anerkannt. Tanja Brant trat schließlich eine befristete Arbeitsstelle in Tostedt an, wechselte 2000 zu einer Buchholzer Firma, bei der sie acht Jahre lang fest angestellt war. Dann kam die Wirtschaftskrise, und sie verlor den Arbeitsplatz. Das hätte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, wenn da nicht ihre ehrenamtliche Tätigkeit gewesen wäre, gesteht Tanja Brant, die unter anderem schon seit zehn Jahren für den Todtglüsinger Sportverein als Integrationslotsin tätig ist und sich um Spätaussiedler kümmert: "Das macht Spaß, und so knüpft man Kontakte." Außerdem trifft sie sich regelmäßig mit fünf ehemaligen Kolleginnen ihrer alten Schule, die ebenfalls Sibirien verlassen haben und jetzt an verschiedenen Orten in Deutschland wohnen: "Alle machen jetzt beruflich etwas anderes, aber wir haben uns damit abgefunden."
Ihr Mann Friedrich hat dagegen schwer daran zu tragen, dass er heute seinen Lebensunterhalt als Mitarbeiter auf einem Bauernhof in Heidenau bestreiten muss - ohne Aussicht darauf, jemals wieder in seinem alten Beruf arbeiten zu können, weil sein russischer Studienabschluss nicht anerkannt wird. Während sie ihren großen Tostedter Bekanntenkreis pflegt, hat er sich sehr zurückgezogen. "Nur montags blüht er auf", verrät Tanja Brant. "Da trifft er sich mit Holger, einem Harburger Geschäftsmann. Die beiden spielen dann Schach und gehen auch mal zusammen zum Angeln." Für wenige Stunden lasse ihn das den Verlust seines geliebten Berufes verschmerzen. Trotz allem seien sich beide in einem einig, betont Tanja Brant: "Die Zukunft unserer Kinder ist das Wichtigste."
