LernZeitLebens

Auf den Spuren der Zeit

"Wir Menschen müssen ständig lernen und brauchen dafür viel Zeit. Doch diese wird immer knapper. Schon Kinder leben heute total im Stress", sagt Ellen Kasper (47), Pastorin der Jesteburger St.-Martins-Kirche.
Ellen Kasper

Ein Foto mit Symbolcharakter - die Jesteburger Seelsorgerin Ellen Kasper umgeben von Uhren.

Jesteburg. Morgen greift unter ihrer Leitung ein Mitarbeiter-Team dieses brisante Thema auf. Unter dem Motto "LernZeitLebens" beginnt um 19.30 Uhr ein Gesprächsabend im Gemeindehaus. In Caféhaus-Atmosphäre werden die Besucher alle fünf bis sieben Minuten die Tische wechseln. An jeder "Station" geht es um eine andere Frage.

Dabei darf es durchaus persönlich werden: "Was möchte ich noch lernen - was brauche ich zum Lernen?" heißt es zum Beispiel. Wer nichts sagen will, hört einfach zu. Auch Erwachsene entwickelten sich ständig weiter und müssten sich auf neue Situationen einstellen, weiß Ellen Kasper. Besonders schwer sei das für ältere Menschen. Es gelte es zu lernen, die eigenen Grenzen zu erkennen. Auch das Loslassen müsse geübt werden. Sie selbst habe bereits damit angefangen, verrät die Seelsorgerin. Wer sich nicht beizeiten auf diesen letzten, neuen Lebensabschnitt einstelle, werde eines Tages mit aller Härte damit konfrontiert.

Ellen Kasper bedauert, dass man heute nicht einmal Kindern die Zeit zum Lernen lässt. Der Unterrichtsstoff in der Schule werde immer komplexer. Nur wenn genügend Zeit vorhanden sei, würde sich das neuerworbene Wissen verankern. Projekte, wie mal eine Hütte im Konfirmanden-Unterricht bauen, seien nur noch unter Schwierigkeiten möglich, kritisiert Kasper, denn die Jugendlichen seien allein durch die Schule und die Hausaufgaben so gefordert, dass für Hobbys wie Sport, Ballett und Musik kaum noch Freiraum bliebe. "Auch das Nichtstun ist wichtig, denn daraus erwachsen innere Kraft und eine große Kreativität", sagt die Pastorin. Um all dies zu vermitteln, sei der Umgang mit der Zeit in der St.-Martins-Kirche ein Schwerpunktthema.

"Die Kirche ist keine Insel", erklärt Kasper. "Ich möchte die Menschen, Vereine, Schulen und Institutionen in die Gottesdienste mit einbeziehen."

In der jahrhundertelangen Geschichte der evangelischen Jesteburger Gemeinde hat sie die Männer-Domäne geknackt. Ellen Kasper ist die erste Frau, die als Pastorin auf der Kanzel steht. Die anfängliche Skepsis einiger Dorfbewohner ist inzwischen verschwunden. "Meine Familie und ich können uns keinen schöneren Platz zum Leben vorstellen", berichtet die zierliche Frau (1,57 Meter). Mit ihrer Liebenswürdigkeit und Offenheit setzt sie sich zielstrebig durch. Sie habe in Jesteburg motivierte Menschen gefunden, freut sich die Heidebewohnerin. Gemeinsam schiebe man sehr viele Dinge an.

Ellen Kasper wurde 1962 in Waldhof, einem kleinen Dorf in der Südheide bei Celle, geboren. Nach dem Abitur folgte ein Theologiestudium in Heidelberg, Hamburg, Berkley (Kalifornien) und Göttingen. 1993 trat sie in Zeven ihre erste Pfarrstelle an, 2007 zog sie mit ihrem Mann Raimund und den Kindern Ruth Maria (heute 11) und Martje (7) in das Jesteburger Pfarrhaus ein. Dort herrscht seitdem reichlich Trubel, fröhliches Lachen und Hundegebell.

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Engagierter Arbeitskreis

Für die Aufarbeitung des Themas "Zeit" hat sich in der St.-Martins-Kirche ein Arbeitskreis gegründet. Mitglieder sind die Kirchenvorsteher Carola von der Lieth und Sabine Hübner, Peter Börke (Strukturausschuss), Buchautor Hermann Krekeler, Angelika Jedamski, Leiterin des Waldkindergartens, Mediator Reinhard Feldhaus, Karl-Heinz Glaeser als Moderator und Pastorin Ellen Kasper. Beim morgigen Gesprächsabend sind alle dabei. (cb)