Andreas Zomm

Wanderschaft nach 1111 Tagen beendet

Noch nicht ganz 23 Jahre alt war Andreas Zomm, damals junger Zimmerergeselle, als er am 16. Mai 1981 aus Harburg abreiste - auf die Walz, die traditionelle Wanderschaft der Handwerker. Genau 1111 Tage - drei Jahre und 14 Tage - später war seine Wanderschaft zu Ende, pünktlich zum 50. Geburtstag seiner Mutter.
Zimmerer-Zunft

Sie pflegen die alte Zunfttradition: Rudolf Kramm (von links), Altgeselle Andreas Zomm, Hugo Günther und Fritz Grünau. Foto: hv

Harburg. In dieser Zeit bereiste der Zimmermann, der heute als Betonprüfer tätig ist, ganz Europa, einen Teil der USA und Indien. In seinem zünftigen Wanderbuch finden sich viele Stempel, Marken, Zeugnisse und kleine Abschiedsbriefe - Zeugen einer Zeit, in der er in der ganzen Welt Berufskenntnisse und Lebenseinsichten gewann.

"Der Hauptzweck der Wanderung ist es, berufliche Erfahrungen zu machen", sagt er. "Aber auch menschlich bringt die Zeit viel - ich habe unterwegs viele Freunde gefunden." Natürlich habe es auch mal schlechte Zeiten gegeben, jedoch: "Das Gute überwiegt, das Schlechte vergisst man schnell."

Heute ist der 53-Jährige Altgeselle der Zunft-Zimmerleute der "Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen zu Harburg" in der Harburger Herberge. Er hat in der Zwischenzeit die Meisterprüfung abgelegt, doch das ist hier nicht von Belang: "Hier zählt nur der Gesellenbrief", sagt der Helmstorfer, der in Harburg aufgewachsen ist. "Wir sind alle gleichgestellt."

Herberge der Zunftgesellen ist die Gaststätte "Bei Maria" im Phoenix-Viertel. Hier findet jeden ersten Freitag im Monat das Zunfttreffen der "Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen zu Harburg" sowie der "Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Maurer- und Steinhauergesellen zu Harburg" statt. In Zunftkleidung kommen die Handwerker zusammen, regeln ihre Belange, trinken und singen, begrüßen neue Gesellen und pflegen die Geselligkeit.

Viel Raum nimmt der Austausch von Erinnerungen ein, denn an Denkwürdigkeiten aus ihrem Leben mangelt es keinem der 18 Zimmerer, Tischler und Dachdecker im Alter von Ende 20 bis Ende 70. Jeder von ihnen ist nach Erhalt seines Gesellenbriefs gewandert, hat sich drei Jahre und einen Tag seinem Heimatort nicht genähert und hat viele Länder bereist, meist zu Fuß. Die Gesellschaft ist für sie kein Hobby, sondern mehr: "Das ist eine Sache, an der ich mit dem ganzen Herzen hänge", betont Andreas Zomm.

Denn über die Pflege des Zunftbrauchtums hinaus ist es ein wichtiges Anliegen der Einheimischen in der Herberge, die den Dreh- und Angelpunkt des Gesellenlebens bildet, diejenigen Gesellen zu unterstützen, die auf Wanderschaft gehen. So werden nach dem Kennenlernen und Prüfen und nach dem Erwerb der Kluft die neuen Gesellen "eingebunden", das heißt, sie erhalten den schwarzen Schlips, die "Ehrbarkeit", der sie als "rechtschaffenen Fremden" ausweist.

Anschließend werden sie in alles eingeweiht, was sie wissen müssen - von den traditionellen Liedern und Bräuchen über das "zünftige Vorsprechen" in der Herberge oder beim Meister um Arbeit, bis hin zu "Zunftgeheimnissen", die nur mündlich überliefert werden. Dann werden sie im Gänsemarsch aus der Stadt gebracht. Derzeit sind etwa 300 rechtschaffene Gesellen auf Wanderschaft. Arbeit finden sie leicht: "Vor allem, wer eine Herberge in Deutschland anreist, erfährt, wo es Arbeit gibt", sagt Zomm.

Infobox

"Rechtschaffende Fremde"

Die Tradition der "Rechtschaffenen Fremden", die aus den beiden auch in der Harburger Herberge ansässigen Schächten (Vereinigungen) besteht, reicht bis 1255 zurück - seitdem besteht die älteste reisende Zunft. Erkennbar sind die rechtschaffenen fremden Gesellen an der schwarzen Ehrbarkeit, dem Zunftschlips. Dieser hat bei den verschiedenen Schächten, die sich aus den "rechtschaffenen Fremden" abgespalten haben, eine unterschiedliche Farbe - so tragen die "Rolandsbrüder" eine blaue und die "Fremden Freiheitsbrüder" eine rote Ehrbarkeit, alle jeweils mit goldener Nadel, während die "Freien Vogtländer" nur eine goldene Nadel in den Hemdausschnitt stecken.