Flüsse im Landkreis Harburg

Steine als Lebensretter

Sie stellen ein wesentliches Element für die Beliebtheit des Landkreises Harburg dar. Die Heide, landwirtschaftliche Flächen und die Wälder gewinnen durch die kleinen Flüsse erst richtig an Strahlkraft. In dieser Serie stellen wir fünf wichtige Heideflüsse vor.
Heidefluss, Seeve, Horst, Idylle

Eine echte Idylle: Die Seeve in ihrem romantischen Verlauf bei Horst.

In Tostedt entwickelte sich kürzlich ein bizarrer Streit. Im Kern ging es darum, ob das als Heidloh bekannte Gewässer nun ein Graben oder ein Bach ist. Ergebnis: Die Gemeinde Tostedt benannte den Graben in Bach um, für die Samtgemeinde bleibt es ein Graben - die CDU-Ratsmehrheit konnte sich mit der Namensänderung nicht anfreunden. Für Ludwig Tent, international anerkannter Gewässerbiologe und in Tostedt selbst einst Ratsmitglied auf der CDU-Liste, ein typischer Vorgang: "Wir wissen mit unseren Gewässern nicht mehr umzugehen", sagt er.

Seine Kritik entzündet sich vor allem an dem "Selbstverständnis von Lebensräumen", wie er sagt. Und das fange beim Namen an, mit dem die Menschen etwas bestimmtes assoziierten. Ein Bach - so auch die Heidloh - sei nun einmal ein Lebensraum, den man nicht einfach als "Vorfluter" oder eben Graben bezeichnen könne. Umgekehrt werde ja auch viel Mühe darauf verwendet, etwas als "Entsorgungspark" zu bezeichnen, was nichts anderes ist als eine Müllkippe.

Worauf Tent hinaus will, ist die Anerkennung der Bäche als "Kinderstube". Als solche hätten sie eine enorme Bedeutung - allerdings nur, wenn sie in naturnahem Zustand belassen werden, was leider vielerorts nicht der Fall sei. "Man hat den Bächen ihren Kies geklaut", bringt der Experte das Problem auf den Punkt. Denn unsere Heidebäche sind - auch wenn es so aussieht - keine Sandbäche. "Darunter ist Kies", stellt Tent klar. Und der ist im Zusammenspiel mit der Fließgeschwindigkeit des Wassers und dem Verlauf des Gewässers ungemein wichtig für die Ansiedlung und das Überleben von Flora und Fauna.

In der Broschüre "Unsere Heidebäche brauchen Hilfe", 1988 erstmals von der Samtgemeinde Tostedt veröffentlicht und 1998 neu aufgelegt, hatte Tent nicht nur die Probleme klar umrissen, sondern auch einfache Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt. So könne ein begradigter und versandeter Bach dadurch zum Leben erweckt werden, daß an geeigneter Stelle ein paar Steine ins Wasser geworfen werden: Der Bach mäandriert wieder (verläuft in Schlangenlinien), die Fließgeschwindigkeit erhöht sich, es entstehen aber auch Ruhe- und damit Lebensräume für Tiere und Pflanzen, von denen die meisten Menschen gar nicht wissen, daß sie in unseren Gewässern vorkommen. Wußten Sie, daß beispielsweise die Meerforelle bei uns heimisch ist? Oder daß der Perlbach bei Hollenstedt seinen Namen den Flußperlmuscheln verdankt, die früher dort lebten?

Die Versandung ist aber nicht das einzige Problem der Bäche, sondern eher eine Folge anderer Fehler: Hervorgerufen wird sie durch Viehtritt, den wiederum unbefestigte Ufer ermöglichen. Das Roden von ufernahen Gewächsen wie Erlen hat noch einen weiteren Nachteil: Da der Schatten fehlt, heizen sich die Gewässer vor allem im Sommer unnatürlich auf. So wird das Wachstum von Algen und anderen Organismen gefördert, die ihrerseits die natürlicherweise vorkommenden Lebensformen behindern.

Außerdem müssen die Bäche und Flüsse mit den "klassischen" menschlichen Eingriffen fertig werden: Die Entnahme großer Mengen Wasser in der Heide durch die Wasserbeschaffungsverbände führt dazu, daß ganze Quellbereiche versiegen oder sich verlagern. Und dann ist da natürlich die Einleitung von Schadstoffen. Nachdem wir das Abwasserproblem weitestgehend im Griff haben - sieht man davon ab, daß beispielsweise in Hollenstedt Oberflächenwasser ungeklärt in die Este einleitet wird - belastet vor allem intensive Landwirtschaft die Gewässer.

Betroffen sind hiervon in erster Linie die oben erwähnten "Kinderstuben", die unmittelbar durch landwirtschaftliches Gebiet fließen. Die Gewässergütekarte des Staatlichen Amtes für Wasser und Abfall Lüneburg (StAWA) wies für das Jahr 1995 die großen Flüsse im Landkreis Harburg - Luhe, Seeve, Schmale Aue, Este und Wümme - als "mäßig belastet" aus. Deren Zuflüsse, wie der Seppenser Bach bei Buchholz, der Nordbach bei Salzhausen oder der Mühlenbach bei Tostedt ("Töste") - einer der Hauptlaichbäche - sind teilweise "kritisch belastet" oder sogar "stark verschmutzt".

"Die Gemeinden sind für den Umweltschutz zuständig", erinnert Ludwig Tent in dem Zusammenhang die Kommunen an ihre Pflichten. Doch dafür müßten sie sich erst einmal zu den Gewässern in ihrem Bereich bekennen. Der Heidlohbach zum Beispiel ist in den StAWA-Plänen gar nicht eingezeichnet - das war damals noch ein Graben.