Harburger Geschichten
Auf brüllende Hitze folgt klirrende Kälte
1986-1987: Hitzerekorde mit Wasserknappheit und Eisgang auf der Elbe
Eis und heiß. Unter diesem Motto stehen die Jahre 1986 und 1987 in besonderem Maße. Das Wetter schlägt Kapriolen, auch im Harburger Raum sind Existenzen gefährdet - oder werden vernichtet. Ist es im Juni und Juli 1986 die Hitze - mehr als 26 Tage lang fällt in Norddeutschland nicht ein Tropfen Regen-, sind es Anfang 1987 die Eismassen, die die Harburger zermürben. Im Landkreis Harburg wird wegen des starken Eisgangs auf der Elbe am 15. Januar 1987 der Katastrophenalarm ausgerufen, die Sprengung von Eisbarrieren wird angeordnet. Während sich Anfang Juli 1986 die Unternehmer der Ausflugsziele an Nord- und Ostsee bei der Hitze über den Massenandrang von Touristen freuen, wird insbesondere am Rand der Heide die Lage für die Landwirte bedrohlich. "Sie lechzen nach Regen", sagt der Geschäftsführer des Bauernverbandes, Karl-Heinz Borchert, am 1. Juli 1987. Den Kühen wird aus Not Winterfutter gegeben, weil das Gras nicht mehr wächst. Die Getreideernte ist in akuter Gefahr. Auch an den 26 000 Harburger Straßenbäumen wird die Ausnahmesituation deutlich. Das Gartenbauamt sieht sich genötigt, Privatfirmen mit der Bewässerung zu betreuen, da die eigenen Bediensteten mit den Aufgaben überfordert sind. Ende Juni 1987 werden allein in Harburg 150 000 Liter Wasser täglich benötigt, um die Bäume zu retten. "Wir brauchen jeden Eimer Wasser", heißt es im Gartenbauamt. Ein gutes halbes Jahr später kehren sich die Vorzeichen völlig um. Wasser ist jetzt reichlich vorhanden, allerdings in vereister Form. Nach Auskunft der Kreisverwaltung in Winsen sind voraussichtlich 15 000 Bürger von geplanten Evakuierungsmaßnahmen betroffen, die wegen des immer stärker werden Eisgangs auf der Elbe unausweichlich scheinen. Eine Überflutung der Deiche bedroht die Elbdörfer. Der Harburger Raum und andere Bezirke an der Elbe werden auf eine Katastrophe vorbereitet, die die furchtbaren Ereignisse des Jahres 1962 noch in den Schatten stellen könnte. Das seit Tagen auf dem Strom schwimmende Packeis wird von den starken Wassermassen so gestaut, daß vor der Autobahn-Elbbrücke und den Elbbrücken in Harburg "Propfen" entstehen, die den Durchfluß unmöglich machen. Das Wasser staut sich unaufhaltsam elbaufwärts. Der Krisenstab der Hamburger Innenbehörde beschließt am 15. Januar 1987 kurz nach 10 Uhr die Sprengung des Packeises auf der Norderelbe. Die Bundeswehr rückt zur Tatenberger Schleuse aus, um die Sprengungen vorzunehmen. Einen Tag später atmen die Menschen in den Elbdörfen und in Harburg auf. Im letzten Moment gelingt Hamburger Eisbrechern der entscheidende Durchbruch, das Ilmenau-Sperrwerk bei Hoopte kann geöffnet werden. Nach Meinung der Experten wären in den nächsten Stunden nach dem Durchbruch die Deichkronen von den Eismassen zerdrückt worden. Am 16. Januar 1987 hebt Oberkreisdirektor Hans-Joachim Röhrs in Winsen den letzten bestehehenden Katastrophenalarm auf, die Katastrophe ist endgültig abgewendet.
