Harburger Geschichten

Schneise der Verwüstung in Buchholz

1991-1994: Dürre und mediterrane Lebensart in Harburg Stadt und Land

Von Mitte Mai bis Anfang August 1992 gibt es "Sonne satt" in Harburg Stadt und Land. Vom "typischen Hamburger Wetter" keine Spur: Schon der 30. Juni geht mit der Rekordtemperatur von 31,3 Grad Celsius in Hamburg und Nordniedersachsen als heißester und trockenster Tag im Juni seit Beginn der Messungen vor 101 Jahren in die Geschichte ein. Vom Jahrhundertsommer sind viele Bürger begeistert. Sie können ihre Freizeit am Badesee oder im Freibad verbringen und abends ohne skeptischen Blick gen Himmel auf der Terrasse grillen und das herrliche Wetter genießen. Mediterane Lebensart herrscht in dem Gebiet südlich der Elbe. An das regelmäßige Gießen der durstigen Pflanzen haben sich die Gartenbesitzer inzwischen gewöhnt. Besonders groß ist die Freude über die ungewöhnliche Hitze bei den Betreibern von Eiscafes und Freibädern und denjenigen, die über Sonnenkollektoren auf dem Dach verfügen. Doch wo Licht ist, ist meist auch Schatten, und so klagen bei der Hitze manche Menschen über Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindelgefühl. Selbst die Fische im Wasser fühlen sich nicht wohl in ihrem Element: So droht der Sauerstoffgehalt der Elbe unter die für Fische zum Leben ausreichende Konzentration zu sinken. Von Tag zu Tag betrübter und ernster wird die Stimmung bei bei den Landwirten. Da monatelang kaum ein Tropfen Regen fällt, kann sich beim Getreide kein Mehlkörper ausbilden. Auf zahlreichen Feldern lohnt sich das Abernten überhaupt nicht. Landwirte, die ihre Ernte im Voraus verkauft und dafür Saatgut und Düngemittel bekommen haben, können ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Die Bäckereien müssen ohne Getreide aus Norddeutschland auskommen. Selbst das Bier ist von der Dürre betroffen, zum einen ist der Konsum gestiegen, zum anderen fehlt die Braugerste, die in leichteren Standorten wie im Landkreis Harburg angebaut, aber wetterbedingt 1992 kaum geerntet werden kann. Die Kartoffeln aus dem Landkreis sind klein wie Taubeneier, auch wenn im August noch das Wachstum einsetzt. Allerdings sind sie qualitativ so schlecht, daß sie sich nicht mehr als Speisekartoffeln absetzen lassen. Dem Vieh fehlt das Futter. So manches Rind findet auf der Weide nicht mehr genug zu fressen, es muß zugefüttert werden. Dabei ist die Futtervorsorge für den Winter ohnehin sehr schlecht, denn das Gras ist nur einmal gemäht worden, und dann ist nichts mehr gewachsen. Der Leiter der Landwirtschaftskammer in Buchholz, Josef Flögel, beziffert die Einbußen im Landkreis auf mehr als zehn Millionen Mark. Mit dem Dürre-Sofort-Hilfsprogramm der Landesregierung werden nur 50 der insgesamt 1600 landwirtschaftlichen Betriebe unterstützt. Die lange Trokkenperiode endet am 9. August (Tageshöchsttemperatur bei 36,5 Grad Celsius) mit einem Gewittersturm am Abend. In Buchholz entwickelt sich eine Windhose, die eine mehrere Kilometer lange und 100 Meter breite Schneise der Verwüstung hinterläßt. Hunderte großer Bäume werden entwurzelt, fallen auf Straßen, Häuser oder Autos. Dachziegel fliegen durch die Luft, Fensterscheiben gehen zu Bruch, und Stromleitungen werden zerfetzt. Erst nach mehreren Wochen sind die Schäden in Millionenhöhe behoben.

 

Infobox

Zeitraffer

Januar 1991: Michael Ulrich, langjähriger SPD-Fraktionschef der Harburger Bezirksversammlung, wird offiziell Harburger Bezirksamtsleiter und damit Nachfolger von Jobst Fiedler. Juni 1991: Das ganze Jahr ist geprägt durch eine hohe Zahl von Ayslbewerbern, die auch nach Harburg Stadt und Land drängen. Es kommt zu Ausschreitungen gegen diese Menschen auch in Buchholz und Winsen. September 1991: Ein polnischer Frachter rammt die Kattwykbrücke. Die größte Hubbrücke Europas wird schwer beschädigt - und gesperrt. September 1991: Die "Empore", der größte und teuerste Bau der Stadt Buchholz, wird eingeweiht. April 1992: Zum ersten Male in der Geschichte der evangelischen-lutherischen Kirche übernimmt eine Frau das Bischofsamt: die 47jährige Harburger Pröpstin Maria Jepsen. April 1992: 70 Fahrzeuge rasen im dichten Nebel auf der A 1 zwischen Rade und Hollenstedt ineinander. Zwei Menschen sterben, und 30 Personen werden zum Teil schwer verletzt. Oktober 1992: Der Harburger Ring wird nach gut einjähriger Bauzeit auf Gegenverkehr umgestellt. Januar 1993: Im Landkreis wird der Müll Thema Nummer eins. Die Bürger sollen ihren Abfall sortieren. Der Müll wird nur noch alle 14 Tage abgeholt, der Verpackungsabfall in den gelben Säcken alle vier Wochen. Juli 1994: Der letzte Vorhang für das Harburger Theater fällt. Es wird Konkurs beantragt.