Harburger Geschichten

Von Angst und Gewalt

1995-1999: Jugendliche im Süderelberaum sorgen für dramatische Schlagzeilen

Der Unfalltod von Sami T. und Kamil B. am Bahnübergang Dritte Meile im Mai 1996 und der Selbstmord von Mirco Sch. Ende Januar 1997 bringen die strukturellen Probleme und die Gewalt unter Jugendlichen in den "vergessenen Stadtteilen" Sandbek und Neuwiedenthal in die Schlagzeilen der Medien. Was ist geschehen? Der 16 Jahre alte Sami T. und sein 15jähriger Freund Kamil B. umfahren mit ihrer Mofa die geschlossene Halbschranke des Bahnübergangs Dritte Meile. Sie werden vom Zug erfaßt und sind sofort tot. Kurz nach dem Unglück bedrängen trauernde Jugendliche die Polizei, beschimpfen den Lokführer als "Mörder". Die Stimmung heizt sich auf, es kommt zu Krawallen. Polizei und Nachbarn sind sich sicher: Der tragische Unfall ist nur ein Anlaß, der den ganzen Frust der Jugendlichen gegen ihre ungeliebte Umwelt in Sandbek ausbrechen läßt. Und da ist der verzweifelte Selbstmord des 17jährigen Mirco Sch., der von Schutzgeld-Erpressern in den Tod getrieben wird. Fast zwei Jahre lang war der Auszubildende von der "Stubbenhof"-Gang geschlagen, getreten, bedroht und immer wieder beraubt worden - bis er keinen Ausweg mehr weiß. An seinem Todestag soll der Azubi, der 750 Mark im Monat verdient, 800 Mark an die Gang zahlen. Als er von der Arbeit nach Hause kommt, geht er gleich wieder weg. Er muß noch etwas erledigen, sagt er seinem Vater. Dann wirft sich der 17jährige im Bahnhof Neuwiedenthal vor die S-Bahn. Seine Eltern sind verzweifelt. Schon eine Woche vor der Tat hatten sie einen Abschiedsbrief mit vagen Andeutungen gefunden, doch ihr Sohn tat ihn als "Jux" ab. Gegenüber den HAN sagt der Vater später: "Mirco wollte nicht zur Polizei gehen, er stritt die Erpressungen aus Angst sogar ab." Doch nach seiner Verzweiflungstat bröckelt die Mauer des Schweigens. Mircos Freunde überwinden in ihrer Trauer gemeinsam ihre Angst und trauen sich, gegen die siebenköpfige Gang auszusagen. Nicht zuletzt durch Berichte in den HAN kommt nach und nach das ganze Ausmaß der Drangsalierungen zum Vorschein. Die Pastorin Susanne Lindenlaub-Borck sagt bei der Trauerfeier: "Sein Tod öffnet uns die Augen für einen Abgrund von Gewalt und Angst in unserer Nachbarschaft." Durch Aussagen zahlreicher Opfer kann die Polizei die Gang zerschlagen. Die beiden Haupttäter werden zu Jugendstrafen in Höhe von dreieinhalb Jahren und 27 Monaten verurteilt, andere zu Bewährungsstrafen und Arbeitsauflagen. Nicht nur Oppositionspolitiker kritisieren, daß die Jugendarbeit in diesen sozialen Problemgebieten "sträflich vernachlässigt" wird. Ein Blick in die Statistik zeigt, daß in Neuwiedenthal jedes zweite Kind und jeder zweite Jugendliche von staatlicher Unterstützung lebt. Die Jugendlichen beklagen, daß andere Freizeitmöglichkeiten und Treffpunkte weitgehend fehlen. Inzwischen sind Taten gefolgt: City-Ranger patroullieren jetzt durch die Straßen der Siedlung, das neue Jugendcafe hat in diesen Tagen Richtfest gefeiert. Ein Umdenken hat also stattgefunden. Der Preis allerdings, der dafür gezahlt wurde, ist viel zu hoch.

 

Infobox

Zeitraffer

September 1995: Die Mitarbeiter der Deutschen Aerospace Airbus GmbH in Finkenwerder protestieren gegen das Sparprogramm "Dolores" des Dasa-Vorstands. Danach müßten von den 7100 Beschäftigten in Finkenwerder 1800 mit einer Kündigung rechnen. April 1996: Die Entführung des Hamburger Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma findet in Horst bei Maschen ein gutes Ende. 32 Tage lang war er in der Gewalt der Gangster, die ihn gegen die Zahlung eines Lösegelds von 30 Millionen Mark frei ließen. September 1996: Die Harburger Lehrerin Antje Bolhöfer rettet 63 Jungen und Mädchen der Förderschule Schwarzenbergstraße sowie drei Kollegen aus Lebensgefahr. Der Busfahrer, der die Gruppe ins Zeltlager fahren sollte, ist bewußtlos über dem Lenkrad zusammengebrochen. Antje Bolhöfer erkennt sofort die Situation, greift ins Lenkrad und bringt den Bus sicher zum Stehen. September 1996: Bei der Kommunalwahl entpuppt sich eine Koalition aus SPD, Grünen, Wählergemeinschaft und der FDP als Gewinner. Die bunte "Smarties-Gruppe" wählt Jens-Rainer Ahrens (SPD) zum neuen Landrat. Dezember 1997: Die Würfel sind gefallen, der Bundesgrenzschutz (BGS) zieht sich aus Winsen zurück. Januar 1998: Das Harburg Carree ist fertiggestellt, die Volkshochschule und die Bücherhalle beziehen den 120-Millionen-Mark teuren Neubau.