Harburger Geschichten

Soldaten statt Senioren

1956 - 1958: Widerstand gegen die Rückkehr der Soldaten in Harburger Kasernen

Mit 26 Kasernen und 56 militärischen Liegenschaften ist Hamburg bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die größte Garnisonsstadt des Deutschen Reichs. Als die neugegründete Bundesrepublik Deutschland gut zehn Jahre später wieder eine Armee erhalten soll, muß diese Tatsache als Begründung dafür herhalten, daß die Stadt an der Elbe auch solche Kasernen für militärische Nutzung freigeben muß, die zwischenzeitlich zu Altersheimen umgewandelt worden sind. Eine - die ehemalige Panzerkaserne - liegt in Fischbek. Dort regt sich sofort heftiger Widerstand gegen dieses Vorhaben. Vorausgegangen ist die Verabschiedung des Gesetzentwurfs über die allgemeine Wehrpflicht. Sie wird am 9. Februar 1956 in den HAN mit einer Schlagzeile auf der ersten Seite angekündigt: "Wehrpflicht von 18-45 Jahren". Erste Einberufungen sollen im Herbst 1957 erfolgen. Der Grundwehrdienst - er wird mit dem 20. Lebensjahr angetreten - soll 18 Monate betragen. Die Wehrpflicht endet für Mannschaftsdienstgrade mit 45 Jahren, für Offiziere und Unteroffiziere mit 60 Jahren. Gleichzeitig wird beschlossen, daß der Dienst an der Waffe verweigert werden kann und daß Kriegsdienstverweigerer Ersatzdienst zu leisten haben. Er soll so lange dauern wie der Grundwehrdienst. Die Harburger Bezirkspolitiker sind weniger über den Inhalt des Gesetzentwurfs empört als über die Tatsache, daß wieder Soldaten in die Fischbeker Kaserne einziehen sollen. Jede Wiederbelegung mit Truppen würde das umliegende unter Landschaftsschutz stehende Heide- und Waldgebiet gefährden, heißt es in einer Protestnote an den Hamburger Senat. Auch die Wiederverwendung der Scharnhorst-Kaserne in Heimfeld wird von heftigen Protesten und aufgeregten Sitzungen begleitet. Die Harburger Bevölkerung hält es für untragbar, daß im Wohngebiet und in unmittelbarer Nähe des Allgemeinen Krankenhauses Harburg die Standortunterkunft einer technisch vollmotorisierten Truppeneinheit eingerichtet werden soll. Als das Gesetz Anfang Mai verabschiedet wird, gibt es immer noch ein "Erbittertes Ringen um Fischbek", wie es in den HAN vom 3. Mai heißt, und - laut HAN vom 25. Juli - eine "Starke Erregung um die Scharnhorst-Kaserne". Mittlerweile wird in der Bürgerschaft leidenschaftlich um die Frage gerungen, ob es wirklich erforderlich ist, das Altersheim zu räumen. Dabei fallen harte Worte. Ein SPD-Bürgerschaftsabgeordneter bezeichnet es als "blödsinnig", die alten Leute von einer Kaserne in die nächste zu verfrachten: Sie sollen nämlich von der Fischbeker in die Alsterdorfer Kaserne umziehen, zum kleineren Teil auch in Altersheime in Groß Borstel, Wandsbek und Farmsen. Die Aufregung um die Fischbeker Kaserne schlägt Wellen, die bis nach Bonn rollen: Dort muß sich schließlich der von dem FDP-Abgeordneten Erich Mende geleitete Unterausschuß "Infrastruktur" beim Verteidigungsausschuß des Bundestags mit dem Thema Fischbek beschäftigen. Auch das Hamburger Urgestein und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt gehört zu diesem Unterausschuß. Er unterstützt die Forderung nach weitgehender Schonung der Landschaft vor Truppenübungsbewegungen. Die Entwicklung kann allerdings auch Schmidt nicht aufhalten. Die Umsiedlung erfolgt. Sie kostet rund elf Millionen Mark. Im Januar 1957 beginnen die ersten Musterungen. In Harburg machen 20 junge Männer am 21. Januar den Anfang. Unter der Überschrift "Das ganze Volk sieht auf seine Bundeswehr" berichten die HAN am 5. April von der feierlichen Vereidigung bei den Harburger Pionieren. Bereits am 21. Juli haben sie ihren ersten Einsatz: als Helfer an der im Bau befindlichen Elb-Staustufe Geesthacht, die nach einem wolkenbruchartigen Regen einzustürzen droht.

Infobox

Zeitraffer

Januar 1956: "Wieder 20 Hamburger Heimkehrer" heißt es in den HAN. Die Männer kehren knapp elf Jahre nach Kriegsende aus sowjetischer Gefangenschaft in ihre Heimatstadt zurück. Sie erkennen Harburg teilweise nicht wieder: zerbombte Häuser auf der einen, Neubauten auf der anderen Seite. Sechs der namentlich und mit Geburtsdatum aufgeführten Heimkehrer finden ihr altes Zuhause nicht mehr vor. Juni 1956: "Kein Ende der Nissenhütten-Lager abzusehen", berichten die HAN. Eine große Zahl ausgebombter Menschen ist immer noch ohne Wohnung. Daher müssen die "Nissenhütten", die aussehen wie eine halbe Tonne, für unbestimmte Zeit weiter stehenbleiben. August 1956: Das Steller Freibad wird eröffnet. Erwachsene zahlen für eine Tageskarte 50 Pfennig und fünf Mark für eine Monatskarte (Kinder und Jugendliche 20 Pfennig beziehungsweise zwei Mark). Der Bau der "Badeanstalt" kostete 160 000 Mark. April 1956: "Nun sind sie angelangt, die ersten Nummernschilder mit dem alten vertrauten HH", melden die HAN. Und weiter: "Viel zu lange stand das Besatzungs-B dort, wo man früher auf den ersten Blick den Wagen aus der Stadt des bekannten Schlachtrufs erkannte." März 1957: Eine Arbeitszeit-Verkürzung bei vollem Lohnausgleich ist 1957 das wichtigste Thema für die Angestellten der hamburgischen Verwaltung. Die Beratungen enden mit folgendem Beschluß: Bis zum 31. März 1958 soll noch die 48-Stunden-Woche gelten, danach müssen 45 Stunden gearbeitet werden. September 1957: In ganz Hamburg legt eine Grippewelle die Schulen lahm: Außer 30 000 Kindern ist auch die Mehrzahl der Lehrer erkrankt. Kaum irgendwo kann der Unterricht noch ordnungsgemäß abgewickelt werden. Die Herbstferien werden um eine Woche vorverlegt. September 1957: Das vierstöckige Haus Haakestraße 9 in Heimfeld wird durch einen Blindgänger - eine fünf Zentner schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg - vom Keller bis zum Dachgeschoß aufgerissen.