Harburger Geschichten
Hilfswelle für die Flüchtlinge
1959 - 1961: Viele Harburger in Stadt und land stellen Wohnraum zur Verfügung
Das Jahr, das die Teilung Deutschlands für die nächsten 28 Jahre endgültig besiegelt, wird auch für die Menschen im Hamburger Süden zum Schicksalsjahr. Allein im Juli 1961 fliehen rund 25.000 Menschen aus der sowjetischen Besatzungszone, viele davon landen in Hamburgs größtem Flüchtlingslager in Finkenwerder. Der von dort ausgegebene Appell, für die Menschen Wohnraum bereitzustellen, findet ein erstaunliches Echo: Bei der Lagerleitung häufen sich die Angebote der Bürger, durch Harburg rollt im Hochsommer des Jahres 1961 eine Welle der Hilfsbereitschaft. Von den Umständen, unter denen die Flüchtlinge ihre Heimat verlassen, wissen die Harburger allerdings offenbar weniger: Viele wollen nur Menschen mit bestimmten Berufen aufnehmen oder verlangen absolute Zuverlässigkeit, die so ad hoc natürlich niemand zusichern kann, berichten die HAN am 27. Juli. Doch die Flüchtlinge kommen mittellos an und müssen sich zunächst die lebensnotwendigen Dinge beschaffen. Mit Bestürzung reagieren die Harburger, als SED-Parteichef Walter Ulbricht Mitte August die Grenzen zur Bundesrepublik immer konsequenter abriegeln läßt und die Mauer von Tag zu Tag wächst. Am 16. August appelliert schließlich Hamburgs Bürgermeister Paul Nevermann eindringlich an die Harburger und die Bewohner der Stadtteile südlich der Elbe, an der großen Sympathie-Kundgebung vor dem Hamburger Rathaus teilzunehmen. Die HAN unterstützen diesen Aufruf auf der Titelseite und schreiben: "Harburger! Strömt in Massen zum Hamburger Rathausmarkt." Die Angesprochenen folgen dem Appell: Am Sonnabend, 19. August, protestieren vor dem Rathaus 100.000 Hamburger gegen die Willkürmaßnahmen des Ulbricht-Regimes. Auch im Landkreis setzen die Menschen Zeichen der Solidarität: Zum zehnten Geburtstag des Stadtjugendrings Buchholz demonstrieren am 3. September Jugendgruppen aus dem gesamten Landkreis mit einem Mahnfeuer ihr Bekenntnis zur deutschen Einheit. Mehrere hundert Jugendliche und ebenso viele Bewohner der Stadt Buchholz finden sich dazu auf dem Gelände an der Schaftrift ein, auf dem eine mächtige Flamme zum Gedenken an die "Brüder des deutschen Ostens in ihrem schweren Kampf um die Freiheit" gemahnt. Ende September wird das Flüchtlingslager Finkenwerder um noch einmal sechs Baracken mit weiteren 450 Plätzen ausgebaut - für Menschen, die zuvor anderswo untergekommen waren. Der Flüchtlingsstrom aus dem Osten nämlich ist mittlerweile so gut wie versiegt. Unter dem Titel "Schreckensnachrichten von der Schandmauer" und später unter der Rubrik "Heute an der Mauer" starten die HAN Ende September auf Seite 1, später auf Seite 2 eine tägliche Serie mit Meldungen über geglückte und mißlungene, oft spektakuläre Fluchtversuche von Menschen aus dem Ostteil der Stadt. Erst im Dezember ebben die Nachrichten über Fluchtversuche langsam ab. Die "Schandmauer" in Berlin ist zum Alltag geworden.
