Harburger Geschichten
Die Nacht, als das Wasser kam
1962: Die verheerende Sturmflut im Februar kostete 337 Menschen das Leben
Vergleichsweise unspektaktulär kündigte sich die Katastrophe an. "Bei starken, in Böen stürmischen Nordwestwinden veränderliche Bewölkung mit Schauern", lautete die Wettervorhersage für Sonnabend, 17. Februar 1962. Doch in der Nacht brach über die Menschen an der Niederelbe ein Desaster herein. Am frühen Morgen waren Tausende auf der Flucht vor den in der Elbe aufgestauten Wassermassen, die ein Orkan bei der größten Sturmflut seit 100 Jahren über die Deiche trieb. Während sich das Drama in Cuxhaven schon gegen 22 Uhr anbahnt, heulen die Sirenen an der Süderelbe erst gegen zwei Uhr morgens: Katastrophenalarm. "Warum wurden wir nicht früher gewarnt?" werden Kritiker später immer wieder fragen. Verzweifelt versuchen die Einwohner in Moorburg, Francop und Neuenfelde die Deichtore mit Sandsäcken und Stroh gegen die rasenden Fluten zu schließen - vergeblich: In riesigen Strömen ergießt sich das Wasser über brechende Deiche, sekundenschnell steigt es bis in die höheren Stockwerke der Häuser, die die Menschen fluchtartig verlassen müssen. Vor allem im Wilhelmsburger Ortsteil Kirchdorf verlieren in dieser Nacht viele ihr Leben: Frauen und Kinder werden von den Wassermassen im Schlaf überrascht und ertrinken. In Waltershof versinkt eine ganze Kolonie von Lauben und Behelfsheimen, allein dort sterben mehr als 100 Menschen. Ohnmächtig müssen Augenzeugen vom Mühlenwerder Damm aus zusehen, wie die Gebäude überflutet werden - unter den gellenden Hilferufen ihrer Bewohner, die niemand retten kann. Der damals 20jährige Manfred Busch aus Kirchdorf erinnert sich an die Nacht des Grauens: "Mein Vater wachte gegen drei Uhr morgens auf. Als er die Haustür öffnete, schoß ihm das Wasser entgegen. Sein Schreien weckte die Familie. Das Wasser kam so rasend schnell, daß wir unten bald bis zum Hals darin standen. In den eisigen Fluten tauchten wir nach Konserven aus dem Kühlschrank, dann flohen wir nach oben. Vor dem Haus trieben tote Kaninchen und Hühner, auf den Dächern riefen die Menschen mit weißen Tüchern um Hilfe." Am Morgen wird das Ausmaß der Katastrophe nach und nach sichtbar. Cranz wird evakuiert, Oberkreisdirektor Andreas Dehn ordnet die Räumung von Over und Bullenhausen an, die mit Wilhelmsburg, Moorburg, Kirchdorf, Achterdeich und Rübke zu den am schwersten betroffenen Gebieten zählen. In Harburg sind weite Gebiete rund um die Süderelbbrücken, Neuland und Gut Moor überflutet, die Hafenbecken sind übergelaufen. Harburg, das von Hamburg so gut wie abgeschnitten ist, wird zu einer der Zentralen der Hilfsaktion für die Flutopfer. In den Schulen werden in aller Eile Notquartiere hergerichtet. Bis in die Nacht hinein bringen die unermüdlichen Helfer von Feuerwehr, Rotem Kreuz und Technischem Hilfswerk verzweifelte Obdachlose, denen die Flut all ihr Hab und Gut genommen hat. Im Bezirk Harburg haben mehr als 3000 Menschen ihr Dach über dem Kopf verloren, in ganz Hamburg sind 40.000 obdachlos. In den darauffolgenden Tagen gibt das Wasser nach und nach seine Opfer frei. Die Zahl der Toten, die unter dem grauen Schlamm gefunden werden, steigt weiter, während das große Aufräumen beginnt und unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte die klaffenden Deichlücken notdürftig geschlossen werden. Eine Woche später trauert Deutschland um 337 tote Sturmflutopfer. Die Politik zieht erste Konsequenzen aus der Katastrophe: Umfangreiche Deichneubauten werden geplant, die neuen Deiche, bis dato zwischen 5,60 und 5,80 Meter hoch, müssen künfig mindestens sieben Meter hoch sein. Das Warnsystem soll verbessert werden. Anfang März beginnt der Bau des neuen Deiches zwischen Cranz und Moorburg, der auf 16 Kilometern 48mal gebrochen war.
