Harburger Geschichten

Bauernkrieg und "Wolkenkratzer"

1963 - 1965: Bauboom und Agrarpolitik bestimmten den Alltag vieler Menschen

Die 60er Jahre sind als "Kampf-Jahre" in die Nachkriegsgeschichte des Bezirks und des Landkreises Harburg eingegangen. Während in der Stadt der Kampf gegen die Wohnungsnot zu einem Bauboom führt, formieren sich im Landkreis die Bauern zum Kampf gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Im Mai 1963 fordert die Landwirtschaft im Kreisgebiet einen höheren Milchpreis für die Erzeuger. Während der Jahresversammlung der Meierei-Genossenschaft in Nenndorf entlädt sich der Bauernzorn über die "drückende materielle Not". Mehr als sieben Jahre lang war der Erzeugerpreis für Trinkmilch nicht angehoben worden, obwohl die übrige Wirtschaft erhebliche Lohnsteigerungen verzeichnete. Die Jahres-Milchmenge der Genossenschaft war ohnehin gesunken, weil sich die Bauern wegen der Einkommenseinbußen immer stärker der viehlosen Landwirtschaft zugewandt hatten. Drei Wochen nach der Versammlung ziehen mehrere 100 Bauern aus dem Kreisgebiet unter Führung von Günter Kaczenski, Landwirtschaftsmeister aus Oldendorf, zu einer Großkundgebung gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung nach Harsefeld im Landkreis Stade. "Wir wollen nicht doppelte Arbeit für den halben Lohn leisten", formuliert Bauernpräsident Edmund Rehwinkel den Protest vor 1500 Landwirten. Wegen der dramatischen Einkommensentwicklung hatte Kaczenski im Landkreis bereits sechs Monate zuvor eine Notgemeinschaft im Landvolkverband gegründet, die - zunächst noch im Einklang mit dem Deutschen Bauernverband - unaufhörlich für Schlagzeilen sorgte. Kaczenski fordert seine Berufskollegen zu legalen Kampfmaßnahmen auf, die sich nicht gegen die Verbraucher, sondern gegen die Industrie richten sollen, weil der wirtschaftliche Erfolg der Industrie zu Lasten der Landwirtschaft gehe. Mit ihrer beharrlichen Kritik an der Agrarpolitik der Bundesregierung setzt sich die Notgemeinschaft jedoch immer stärker vom Bauernverband ab. Trotz Warnungen des Deutschen Bauernverbands, die Agrarverhandlungen in Brüssel abzuwarten und nicht zu demonstrieren, rollten am 6. Dezember 1963 Landwirte der Notgemeinschaft mit 200 Treckern unter Führung von Günter Kaczenski durch Harburg und weiter zu einer Protestkundgebung bis nach Rothenburgsort. Als Folge zeichnet sich ein Bruch zwischen der Notgemeinschaft, die sich inzwischen über ganz Niedersachsen und Schleswig-Holstein ausgebreitet hatte und dem Deutschen Bauernverband ab. In der Stadt Harburg steht in dieser Zeit der Kampf gegen die Wohnungsnot ganz oben auf der Liste der politischen Ziele. Mit der Planung von "Wolkenkratzern" legen Architekten und Stadtplaner den Grundstein für soziale Probleme in den 80er und 90er Jahren. Die ersten Bewohner beziehen im Januar die drei 16geschossigen Hochhäuser am Hanhoopsfeld in Wilstorf. Mehr als 1000 neue Wohnungen geben dem Stadtteil ein anderes Gesicht. "Mit 90 Meter über Normalnull liegen die höchsten Wohnungen weitaus höher als der Blankeneser Süllberg, und die Bewohner genießen eine beneidenswerte Fernsicht weit in die Lüneburger Heide hinein", heißt es in den HAN. Schlag auf Schlag geht es weiter. Nach den Plänen des Harburger Architekten Georg Hinrichs beginnen im Mai die Tiefbaumaßnahmen für die "Sandbek-Siedlung" mit 833 Wohnungen sowie für die Siedlung an der Neuenfelder Straße in Wilhelmsburg mit 1303 Wohnungen. Aber auch der gewaltige Bauboom kann die Probleme nicht so schnell lösen. Mitte September stehen immer noch 10.000 Wohnungssuchende auf der Warteliste des Harburger Wohnungsamtes.

 

Infobox

Zeitraffer

Januar 1963: Scharfer Protest im Ortsausschuß gegen die Pläne des Senats, die Elbinsel Wilhelmsburg in ein Industrierevier umzuwandeln. Februar 1963: Harburgs Krankenhäuser sind überfüllt. Es fehlen 500 Betten. Jedes zweite kranke Harburger Kind muß in eine Klinik nördlich der Elbe gebracht werden. März 1963: Mit Einbahnstraßen und Halteverboten beginnt die Polizei, die chaotische Verkehrssituation in Harburg zu bekämpfen. April 1963: Ein holländischer Blumenhändler wird vom Wochenmarkt auf dem Sand verwiesen, weil er Blumen gegen "Küßchen" an junge Frauen verschenkt hat - da machen die Ordnungshüter nicht mit. April 1963: Wegen der steigenden Zahl von Verbrechen - im Monatsdurchschnitt werden in Harburg 100 Autos gestohlen - bekommt der Süderelberaum jetzt ein Kriminalkommissariat. Mai 1963: Der erste elektrisch betriebene Personenzug in der Geschichte der Eisenbahn fährt von Harburg nach Hannover. Juli 1963: Das Gesundheitsamt Harburg verbietet das Baden in der Süderelbe. Das Wasser ist mit Koli- und Typhusbazillen verseucht. August 1963: Eine 28 Jahre Polizeiobermeisterin nimmt im Alleingang einen 32 Jahre alten Sittenstrolch fest. Als sich der Mann ihr im Harburger Stadtpark in schamverletzender Weise zeigt, legt sie ihm Handschellen an und bringt ihn zu Fuß von der Außenmühle zur Wache Nöldekestraße. Oktober 1963: Eine einmotorige Sportmaschine vom Typ "Moony 20" stürzt zwischen Rade und Emsen (Gemeinde Rosengarten) in den Stuvenwald. Vier Schweden kommen ums Leben. April 1964: Ein jahrelanges Baracken-Provisorium in Sinstorf nähert sich dem Ende: Die Schule am Sinstorfer Weg feiert Richtfest. Weitere Schulneubauten in Harburg werden geplant. Mai 1964: Der Harburger Feuerteufel wird gefaßt. Ein 26jähriger gesteht 18 von ihm entfachte Brände - eine Million Mark Schaden hat der Mann verursacht. Mai 1964: Auf dem Bahnübergang Schloßstraße sterben zwei Menschen. Sie waren unter der sich senkenden Schranke hindurch direkt vor den Zug gelaufen. Frühjahr 1965: Die Planungen für den Bau des größten Güterbahnhofs Europas gehen in die entscheidende Phase. Der Baubeginn steht unmittelbar bevor.