Harburger Geschichten
Im Würgegriff des Winters
1977 - 1979: Zum Jahreswechsel 1978/79 versinken Stadt und Land im Schnee-Chaos
Zuerst sind es nur ein paar harmlose und feuchte Schneeflocken, die in den letzten Dezembertagen des Jahres 1978 aus einem trüb-verhangenem Regenhimmel herabtaumeln. Zum Jahreswechsel ahnt noch niemand, daß sich in der Atmosphäre der "Jahrhundertschnee" zusammenbraut, bei dem innerhalb kürzester Zeit weite teile Norddeutschlands zum Katastrophengebiet erklärt würden. Doch obgleich die Harburger zunächst "vom Chaos verschont" bleiben, wie die HAN noch am 2. Januar 1979 berichten, haben meterhohe Schneeverwehungen wenige Tage später auch in Harburg Stadt und Land problematische Ausmaße erreicht: Der Straßenverkehr kommt zeitweise flächendeckend zum Erliegen, zahlreiche Landkreisorte sind von der Außenwelt abgeschnitten. Der kälteste Januar seit 1940 mit Temperaturen von bis zu minus 20,8 Grad regiert. "In Hörsten war kein Durchkommen ", hieß es in den HAN. Auch das Gebiet Emsen/Langenrehm schien unter den Schneemassen zu ersticken. 200 Soldaten aus der Fischbeker Röttiger-Kaserne schaufeln gemeinsam mit den Männern der Stadtreinigung in Harburg und Wilhelmsburg die wichtigsten Hauptverkehrsadern frei. "Etwa 500 Straßenkilometer sind befahrbar, teilweise aber nur einspurig", melden die HAN. In Neu Wulmstorf wissen sich die Räumkomandos nicht anders zu helfen, als die weiße Pracht auf Lastwagen zu laden und auf den Feldern im Moor abzuladen. Schwierigkeiten bereitet die klirrende Kälte auch der Harburger Hafenwirtschaft, es kommt zu Versorgungsengpässen. Eisbrecher führen einen harten Kampf gegen die Eisschollen, die eine Stärke von mehr als 40 Zentimeter erreicht haben. Bis Mitte Januar normalisiert sich die Lage weitgehend, die Temperaturen liegen wieder am Gefrierpunkt, und alles sieht nach einem "ganz normalen Winter" aus. Wintersportler zieht es zu Tausenden in die Harburger Berge. Doch schon am 22. Januar kündigt das Hamburger Seewetteramt neue Kaltluft für Norddeutschland an. Was niemand so schnell für möglich gehalten hat, tritt am 13. Februar ein: Der Norden versinkt ein weiteresmal unter einer eisigen weißen Decke. Die Schulen im Landkreis werden geschlossen. Rund 30 Prozent der 150.000 Pendler haben keine Wahl: Sie müssen zu Hause bleiben. Hunderte von Autofahrern geraten in Schneeverwehungen und bleiben mit ihren Fahrzeugen stecken. Sie sind auf die Hilfe von Einsatztrupps angewiesen, die nur mit Mühe durchkommen. Zu einer dramatischen Rettungsaktion für mehr als 200 Eingeschneite kommt es auf der A 7 zwischen Bispingen und Egestorf in der Nacht zum 15. Februar: Feuerwehr, DRK und das Technische Hilfswerk versorgen die eingeschneiten Pkw-Insassen mit Decken und warmen Getränken. Sie müssen rund zehn Stunden in der eisigen Kälte ausharren. Bergungspanzer der Bundeswehr und organisierte Räumkommandos kämpfen pausenlos auf den Autobahnen und in allen Teilen des Landkreises gegen die Schneemassen an. Um die Straßen für die Räumfahrzeuge freizuhalten, werden im Landkreis Harburg Fahrverbote erlassen. Aufatmen nach fünftägigem Einsatz rund um die Uhr in den Katastrophenstäben im Harburger Rathaus und im Kreishaus Winsen: Die Wetterlage entspannt sich, die angekündigten Schneefälle bleiben aus. Am 17. Februar 1979 sind alle Gemeinden wieder erreichbar.
