Operation Gomorrha
Der Michel als Lebensretter
Jahrzehnte habe es gedauert, bis er nicht mehr senkrecht im Bett gestanden sei, wenn irgendwo ein Alarm oder eine Sirene heulte, sagt Uwe Muck aus Buchholz.
Es sind Erinnerungen, die sich unauslöschlich in das Gedächtnis eines Fünfjährigen gebrannt haben. Erinnerungen an eine trotz des Krieges schöne Hamburger Kindheit, eine Kindheit zwischen Tretroller und Spielzeug-Stahlhelm aus Pappmache. Eine Kindheit, deren Unbeschwertheit in einem Inferno ausgelöscht wurde: Jahrzehnte habe es gedauert, bis er nicht mehr senkrecht im Bett gestanden sei, wenn irgendwo ein Alarm oder eine Sirene heulte, sagt Uwe Muck aus Buchholz. 65 Jahre alt ist er heute, der Fünfjährige von damals. Auf seinem Wohnzimmertisch hat er ein Buch mit Bildern eines von Bomben verwüsteten Hamburgs aufgeschlagen. Vergilbt und abgenutzt liegt daneben eine Bescheinigung von 1943, die Uwe Muck bestätigt, dass er und seine Familie im Juli bei den Bomben-Angriffen auf Hamburg sein behütetes Zuhause im Schaarsteinweg "infolge von Fremdeinwirkung" verloren. "Hier sind wir langgelaufen. Teilweise waren die Luftschutzkeller ja untereinander verbunden", sagt Uwe Muck und malt mit dem Finger auf dem Foto die Strecke von Schaarsteinweg bis hin zum Hamburger Michel nach, der Kirche, die Muck und seiner Familie das Leben rettete. "Ich war die wichtigste Person", erinnert sich der Buchholzer. Wichtig deshalb, weil der kleine Steppke den Rucksack trug, in dem seine Mutter und Großmutter das Notwendigste schon Tage zuvor gepackt hatten: Windeln und Flaschen für Uwes jüngsten Bruder Peter, Lebensmittelkarten und Papiere. "Der Rucksack war immer griffbereit", sagt Muck. Fast hätte die Familie es nicht geschafft: Nach dem Fliegeralarm harrten Kind und Bruder, Mutter und Großmutter zunächst in einem Luftschutzkeller am Schaarmarkt aus. "Mensch, da draußen ist was los - die Hölle", erinnert sich Muck an die Worte des Luftschutzwartes. "Dann kamen die Ersten rein, die schon verletzt waren", schildert der Buchholzer. Das Bild einer verletzten, vor Schmerzen schreienden Frau mit verbranntem Haar wird der Fünfjährige nie mehr vergessen. "Sie trug einen Schlafanzug", sagt Muck. "Dann kam plötzlich der Luftschutzwart und schrie: Alle raus hier!" Er führt die Menschen in einen anderen Keller, doch auch hier sollten der Junge und seine Familie noch nicht sicher sein. In nasse Decken gehüllt bleibt ihnen nur der Weg durch das Fegefeuer der Juli-Nacht. "Meine Mutter hatte Peter auf dem Arm. Um uns herum brannte alles. Das war eine furchtbare Hitze. Wir bekamen keine Luft. Es war, als brannte der Sauerstoff", sagt der 65-Jährige. Die Familie findet den Weg in den Bunker unter dem Michel: "Da waren hunderte Menschen drinnen. Alles was überlebte, kam hier zusammen", sagt Muck. Der Fünfjährige versinkt nach den Strapazen in einen ersten unruhigen Schlaf, andere finden erste medizinische Hilfe. Am nächsten Morgen geht es dann wieder hinaus ans Tageslicht. Überall Schutt und Asche - auch der Raum, in dem sie nach dem Fliegeralarm zuerst Schutz gesucht hatten, existiert nicht mehr. Der Michel aber blieb unversehrt: Das als Luftschutzraum umfunktionierte Gruftgewölbe unter der Kirche sollte im Zweiten Weltkrieg tausenden Hamburgern das Leben retten. Muck war einer von ihnen. Erst kurz vor Kriegsende im Jahr 1945 wurde der Michel von Sprengbomben getroffen. "Der Kirchturm diente den Bomber-Piloten als Orientierungspunkt", schlussfolgert der Buchholzer aus heutiger Sicht. Das Bismarck-Denkmal diente als Sammelstelle für alle, die dem Feuersturm über Hamburg lebend entkommen waren, erinnert sich der 65-Jährige. "Wir wurden mit dem Notwendigsten versorgt. Wir hatten ja nur noch das, was wir am Leib trugen", sagt Muck. Die Familie wird nach Schleswig-Holstein gebracht, findet aber wenig später in Niederbayern über einen Onkel Uwe Mucks ein vorübergehendes Zuhause. "Mein Vater ist gleich nach dem Krieg in Hamburg geblieben." Er war schon Ende der 30er-Jahre eingezogen worden. Auch er überlebte und holte seine Familie zurück in die Hansestadt. 1959 heiratete Muck und zog mit seiner Frau nach Buchholz. Mit Hamburg verbinden ihn Alpträume wie auch schöne Erinnerungen: "Nachher hat man nicht mehr viel über die Ereignisse gesprochen. Man war froh, dass man überlebt hat", sagt Muck. "Wenn ich meine stille Stunde habe, schau' ich auch schon mal nach oben und sag': Hast Glück gehabt!" (HAN, 25.07.2003)
