Operation Gomorrha

Als Kinder mit Splittern spielten

Bombenkrieg - das war für den Jungen Kurt Darjus Feuerwerk: Flieger, in die sich lange Ketten von Leuchtspurmunition fraßen, Flugzeuge, die auseinander barsten.

Bombenkrieg - das war für Kurt Darjus Adrenalin: "Am Tag haben wir die Luftkämpfe beobachtet und uns gefreut, wenn eine Feindmaschine abgeschossen wurde." Bombenkrieg - das war für den damals 13-Jährigen Licht: Feindmaschinen im Kegel von Scheinwerfern - "die konnten nicht entkommen, die Flak hat sie abgeschossen." Bombenkrieg - das war für den Jungen Feuerwerk: Flieger, in die sich lange Ketten von Leuchtspurmunition fraßen, Flugzeuge, die auseinander barsten - und hin und wieder Menschen, klein wie Stecknadelköpfe, die sich von den abgeschossenen Maschinen lösten. Diese Bilder haben sich in das Gedächtnis von Darjus gebrannt. Sie lesen sich martialisch - und doch haben sie mit Landser-Romatik nichts zu tun. "Ich schildere nur, wie ich es damals erlebt habe", sagt der heute 72 Jahre alte Mann. "Ich war ein Kind." Und der Krieg und die Bomben waren für den Jungen und seine Schul- und Spielkameraden vor allem eins: aufregendes Abenteuer. Schon den ersten Angriff auf Hamburg im Mai 1940 hatte Darjus, der in Harburg in der Kreuzstraße - heute Compeweg - aufwuchs, miterlebt. Damals, als zehnjähriger Bub, "habe ich noch Angst gehabt". Doch die verflog schnell. Die Angriffe der Royal Air Force (RAF) auf Hamburg in den Jahren von 1940 bis 1943 "waren klein, da ging kaum noch jemand in den Keller", erinnert sich Darjus, der heute in Hittfeld wohnt. Nach den Attacken zogen die Kinder los - Kriegsmüll suchen. "Die Straßen waren übersät mit Splittern. Tagessieger war, wer den größten fand." Der konnte allerdings übertrumpft werden. Mit Glassplittern von Pilotenkanzeln etwa - oder Bordmunition. Darjus hatte einmal einen halben Patronengurt aus einem abgeschossenen englischen Bomber entdeckt. "Damit war ich König." Und wenn in der Nähe mal ein Haus von einer Bombe zerstört wurde, "sind wir hingefahren und haben uns gegruselt", berichtet Darjus. "Das war unser Alltag." Bis zum 24. Juli 1943. Der war ein heißer Sommertag. "Ich schlief schon und Mutter weckte mich, als abends Alarm gegeben wurde." Gemächlich zog er sich an, guckte aus dem Fenster, ob schon was zu sehen war. Da hörte er die Motoren. "Das Geräusch war anders als sonst, die ganze Luft war angefüllt mit Dröhnen." Dann begann das Rummsen, und der Boden zitterte. Und zitterte. Alle rannten in den Keller. "Dort spürten auch wir Kinder, dass es diesmal ganz anders war." Nach der Entwarnung gingen die Bewohner des Mietshauses zurück in ihre Wohnungen. Der Himmel leuchtete. Taghell. "Wir hätten problemlos im Wohnzimmer Zeitung lesen können, das war vielleicht um zwei oder drei Uhr morgens", erinnert sich Darjus. "Es war der Feuerschein von Hamburg, in Harburg war ja nichts." Am Tag das umgekehrte Bild: Es wurde nicht richtig hell, "die Sonne drang nicht durch die Rauchwolken." Und auf dem Balkon der Familie entdeckte der 13-Jährige "eine fingerdicke Rußschicht". In der Schule redeten alle über das Bombardement. "Jeder wusste etwas anderes, alle überboten einander mit Schreckensmeldungen." Seinem Schrecken begegnete Darjus im Altbau der Handelsschule in der Bennigsenstraße. Dort wurde von der so genannten Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt Verpflegung augegeben. Hier sah Darjus einen Laster. 30 oder 40 Menschen saßen da drauf. Alle verbunden. "Nur die Augen waren zu sehen - ich dachte das wären Gespenster." Der Anblick schockierte den Jungen bis aufs Blut. "Das werde ich nie vergessen." Und trotzdem: Auch nach den verheerenden Angriffen auf Hamburg sammelten Darjus und seine Freunde weiter Kriegsabfälle. "Wie Kinder halt so sind." Wenn er heute im Fernsehen Jungen und Mädchen in den Trümmern von Kabul oder Bagdad spielen sieht, denkt er an Hamburg. "Wir haben nichts anderes gemacht." Luftangriffe hat Darjus nach Gomorrha aber nur noch im Keller erlebt: Das Abenteuer Bombenkrieg hatte sich in dieser Sommernacht im Juli 1943 aufgelöst. In Feuer und Rauch. In Trümmern, Blut und Tod. (HAN, 21.07.2003)