Operation Gomorrha
Nur Wolken retteten Harburg
Der Süden Hamburgs hatte sogar eine hohe Priorität, weil hier mit der Mineralölindustrie und den Lebensmittelwerken kriegswichtige Produktionen angesiedelt waren.
Altona, St. Pauli, Barmbek, Hammerbrook, Wandsbek - Stadtteil für Stadtteil zerstörten die Bomber der Alliierten im Sommer 1943 Hamburg. Mitunter verfehlten sie ihr Ziel zwar um etliche Kilometer - was zum Beispiel große Teile der wunderschönen Altbau-Wohnviertel in Rotherbaum und Eppendorf rettete -, doch im Prinzip wollte der Chef der britischen Royal Air Force, Sir Arthur Harris, mit der "Operation Gomorrha" die ganze Hansestadt einäschern. Also auch Harburg. Der Süden Hamburgs hatte sogar eine hohe Priorität, weil hier mit der Mineralölindustrie und den Lebensmittelwerken kriegswichtige Produktionen angesiedelt waren. Nach Angaben des britischen Autors Martin Middlebrook ("Juli 1943") gab Harris daher für die Nacht vom 2. auf den 3. August 1943 erstmals die Vorgabe, zwei Ziele anzugreifen: die Nordspitze der Alster und Harburg. Middlebrooks britische Sicht der Verhältnisse ist heute noch bemerkenswert: "Offiziell war Harburg ein Stadtteil Hamburgs. In Wirklichkeit aber war es eine ganz seperate Stadt, getrennt vom eigentlichen Hamburg durch acht Kilometer Hafenbecken, Wasserstraßen und das Industrieviertel Wilhelmsburg", schrieb Middlebrook 1980. "Die Entscheidung, für diesen Angriff zwei Zielpunkte zu setzen, war taktisch gesehen ein äußerst anspruchsvolles Unterfangen, aber ein noch bedeutenderer Aspekt des Zielplans war die Tatsache, dass selbst in diesem vierten Angriff wiederum nur Wohnviertel bombardiert werden sollten." Harris ging es demnach - zumindest in diesem Stadium des Kriegs - nicht um Harburgs Industrieanlagen, sondern er wollte Harburg ebenso großflächig einebnen wie zuvor Wandsbek oder Hammerbrook. Doch dazu kam es nicht - noch nicht. Britische Wetteraufklärer meldeten, dass ein Unwetter von Südwesten heranzog. Middlebrook: "Sir Arthur Harris sagte den Angriff nicht ab, aber er gab den anspruchsvollen Plan auf, einen zweiten Zielpunkt über Harburg zu setzen. Die gesamte Bombenlast des Bomber Command sollte auf das mittlere Hamburg fallen." Doch auch das klappte nur teilweise - nördlich der Elbe war die Sicht ebenfalls schlecht, weswegen der Angriff relativ glimpflich für die Hamburger ablief. Für Harburg galt das ab Herbst 1944 nicht mehr: Am 25. Oktober griffen 800 amerikanische B-17-Bomber ("fliegende Festungen") Hamburgs Süden an. "Besonders in den eng bebauten Teilen Harburgs entstanden ausgedehnte Brände", beschrieb der Feuerwehrkommandeur Hans Brunswig. Die nüchterne Statistik: 750 Tote, 23 000 Obdachlose und ein über Gut Moor abgeschossener Bomber. Nachdem am 14. April 1945 letztmals Bomben auf Harburg gefallen waren, hatte der Stadtteil insgesamt 1768 Opfer der Angriffe zu beklagen - aus dem "Glück" des Jahres 1943 war doch noch eine Katastrophe geworden. (HAN, 26.07.2003)
