Operation Gomorrha

Wie böse darf das Gute sein?

Das Grauen des Bombenkrieges - es die Stadt Hamburg trifft wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und türmt Fragen auf. War dieser Krieg aus der Luft gerechtfertigt?

"Direkt vor dem Eingang liegen halbverkohlte Leichen." Und: "30, 40 Verletzte, alle verbunden, nur die Augen waren zu sehen - ich dachte, das waren Gespenster." Zeitzeugenberichte über den Bombenkrieg, wie sie in der vergangenen Woche auch in den HAN zu lesen waren, verstören und verschrecken. Das Grauen des Bombenkrieges - es trifft wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und türmt Fragen auf. War dieser Krieg aus der Luft gerechtfertigt? War er notwendig, um Hitlerdeutschland in die Knie zu zwingen? Musste Böses getan werden um das Böse zu besiegen? Als erster hat Jörg Friedrich in seinem Buch "Der Brand" Fragen wie diese vorgedacht und damit eine heftige Debatte über die alliierten Bombenangriffe auf Deutschland ausgelöst. Ausführlich schildert er die Attacken auf deutsche Städte, beschreibt reportagehaft und emotional die Allgegegenwart der Todesangst - und kritisiert das "moral bombing" der Alliierten. Die verfolgten mit ihrem Bombenkrieg zwei Ziele: Angriffe auf Industrieanlagen und Rüstungsbetriebe sollten die kriegswichtige Infrastruktur zerstören; die flächenmäßige Verwüstung von Wohngebieten und der Tod der Zivilisten sollte die Moral der deutschen Bevölkerung brechen. Sonderlich neu war die Strategie der Alliierten nicht. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg schmiedeten die Militärs aller Industriestaaten Pläne für diese Art der Kriegführung - und erklärten damit die ganze Bevölkerung zum Feind. Bereits 1923 wurde deshalb versucht, dem Bombenkrieg kriegsvölkerrechtliche Grenzen zu setzen. Eine internationale Juristenkommission hatte vorgeschlagen, Terrorangriffe - Bombenangriffe, die sich gegen nicht-militärische Ziele richteten oder unverhältnismäßig viele Opfer unter Zivilisten anstrebten oder in Kauf nahmen - zu verurteilen. Der Vorschlag scheiterte am Widerstand der Luftmächte, zu denen Deutschland damals noch nicht gehörte. Doch schon im spanischen Bürgerkrieg flogen die Bomber der von Hitler zur Unterstützung Francos gesandten Legion Condor Attacken, die bereits alle Merkmale eines solchen Terrorangriffs trugen. Auf Guernica. Und auf andere Städte. "Die Militärtechniker wollten herausfinden, wie sie am effektivsten zerstören konnten, und sie wollten Erfahrungen sammeln, um deutsche Städte vor möglichen Angriffen besser zu schützen", schreibt Christoph Kucklick in seinem neuen Buch "Feuersturm - Der Bombenkrieg gegen Deutschland". Was die Deutschen 1936 in Spanien begannen, setzten sie im Zweiten Weltkrieg fort: 1939 bombardierte die Luftwaffe Warschau, tausende Zivilisten starben. Im Mai 1940 wurde Rotterdam aus der Luft angegriffen und fast 1000 Menschen getötet. Die Attacken auf britische Städte wie London, Coventry und Glasgow in den Jahren 1940 und 1941 gelten als "reine Terrorattacken, also als der Absicht nach gezielte Angriffe auf die Bevölkerung", analysiert Kucklick. Und stellt fest: "Ob es so war, darüber wird bis heute gestritten." Unstrittig ist, dass die Briten Anfang 1942 ganz offiziell mit der "Area Bombing Directive" zum Flächenbomben übergingen. Aber haben sie damit nur auf die "Terrorangriffe" der Luftwaffe reagiert? Sollte die RAF den Deutschen mit gleicher Münze heimzahlen, was die Luftwaffe auf den britischen Inseln angerichtet hatte? Sollte mit Terror der Terror bekämpft werden? Dafür spricht, dass die Briten gar keinen Hehl aus ihren Absichten machten. "Es ist klar, dass die Zielpunkte Siedlungsgebiete sein sollen und beispielsweise nicht Werften oder Luftfahrtindustrien", heißt es im Anhang der besagten Direktive. Und dann war da auch noch Arthur Harris. Der Chef der Bomberflotte machte im Oktober 1943 unmissverständlich deutlich, dass die Angriffe "der Zerstörung der deutschen Städte, dem Töten der deutschen Arbeiter und der Behinderung des zivilisierten Lebens in ganz Deutschland" gelte. "Das absichtsvolle Bombardement ziviler Strukturen zur Niederringung des Nazi-Regimes war Terror, war Massaker, verstieß gegen ein - porös formuliertes - Kriegsvölkerrecht", analysiert denn auch Geo-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede im Vorwort zu Kucklicks Buch. Daran, dass die Alliierten ihr Ziel, den Krieg zu verkürzen, mit ihren Bomberflotten erreichten, gibt es heute massive Zweifel. Fakt ist, dass die Bombardements die Menschen zusammenschweißten. Auch erreichte die Rüstungsproduktion bis Ende 1944 regelmäßig neue Höchststände - auch wenn der Zuwachs der Produktion stark unter den Angriffen litt. Und Fakt ist auch, dass heute keine Armee der Welt noch die Strategie des "moral bombing" verfolgt. Was hat der Bombenkrieg gegen Deutschland also erreicht? Eine allgemein gültige Antwort darauf steht noch aus. Dessen ungeachtet gibt es aber Antworten, die dem "moral bombing" eine andere Moral abgewinnen. Antworten, wie diese: "Schreikrämpfe, Stoßgebete gen Himmel, Furcht, erstickt zu werden, bei lebendigen Leib zu verbrennen, verschüttet zu werden - das war der Luftkrieg." Ralph Giordano, Sohn einer Jüdin, hat als 21-Jähriger die Bombardierung Hamburgs erlebt. Seine Familie wurde ausgebombt, er überlebte nur knapp. "Und doch sage ich: Das waren meine Befreier. Die Bomber waren für uns die zweite Gefahr. Die erste Gefahr war die Gestapo, als Synonym für das NS-Regime." Die Statistik des Grauens unterstreicht diese Aussage: Im gesamten Zweiten Weltkrieg starben im Bombenhagel der Alliierten in Deutschland zwischen 400 000 und 560 000 Menschen. Allein von Mai bis Juli 1944 wurden in Auschwitz mehr als 400 000 Juden von Deutschen ermordet. Fast sechs Jahre lang wütete der Zweite Weltkrieg. 55 Millionen Menschen starben. "Die Initiative zum Krieg ging von Deutschland aus", sagte Bundespräsident Richard Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1985 im Deutschen Bundestag. "Es war Hitler, der zur Gewalt griff. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bleibt mit dem deutschen Namen verbunden. Während dieses Krieges hat das nationalsozialistische Regime viele Völker gequält und geschändet. Am Ende blieb nur noch ein Volk übrig, um gequält, geknechtet und geschändet zu werden: das eigene, das deutsche Volk.". (HAN, 28.07.2003)