Operation Gomorrha

Hamburgs grausamste Nacht

In dem mehrstöckigen Betonklotz, der vollgepfercht mit alt und jung belegt ist, ahnen wir nur einen Bruchteil dessen, was sich außerhalb der sicheren Mauern abspielt. Pausenlos rauscht es durch die Lüfte, während sich Detonationen gedämpft an den kahlen Wänden brechen.

HAN-Leser Otto Sander (84) aus Harburg hat seine "Erinnerungen" als Soldat im Zweiten Weltkrieg, die er selbst als Anti-Kriegsbericht bezeichnet, auf 150 Seiten niedergeschrieben. Die HAN drucken in leicht gekürzter Form Sanders Erinnerungen an die "Feuersturm"-Nacht ab:

"Am 27. Juli 1943, kurz vor Mitternacht, gellen die Sirenen durch die sternenklare Nacht. Darauf folgt gar nichts. Ich bin gerade dabei, arglos weiterzuschlafen. Einsetzendes Flakfeuer wirft uns in letzter Sekunde aus den Betten, es wird höchste Zeit. Schnell greife ich mir einen kleinen Koffer, der unentbehrliche Sachen enthält, und haste mit meiner Frau zum Hochbunker am Hammer Deich. Beschwichtigend beruhige ich die aufgeregten Gemüter. Nichts ahnend, denken wir, bald umkehren zu können - indessen tut sich im größten Ausmaß die Hölle auf.

Die immer stärker anschwellende Abwehrkanonade ist ein Zeichen dafür, dass starke Verbände im Anflug sind. In dem mehrstöckigen Betonklotz, der vollgepfercht mit alt und jung belegt ist, ahnen wir nur einen Bruchteil dessen, was sich außerhalb der sicheren Mauern abspielt. Pausenlos rauscht es durch die Lüfte, während sich Detonationen gedämpft an den kahlen Wänden brechen. Abwechselnd dringt Druck oder Sog durch die öden Räume. Verängstigt rücken die Menschen zusammen, als suchten sie gegenseitig Schutz. Jede neue Erschütterung wird mit schreckhaften Wortausbrüchen quittiert. Aufgeregte Gemüter und schlafgestörte Kinder schreien um ihr Leben.

Plötzlich scheint eine Riesenfaust den Bunker zu bewegen, denn er neigt sich bedenklich auf eine Seite, um sich gleich darauf wieder aufzurichten - Wir befinden uns jetzt direkt im Bombenhagel. Wehe den menschlichen Kreaturen, die den tobenden Elementen ausgesetzt sind. Schützend lege ich die Arme um meine Frau und ihre Mutter. Wir werden es schon schaffen. In diesem Inferno erlischt schlagartig das Licht. Im Moment glaube ich, unser Erdenleben sei beendet, denn zwei Volltreffer lassen den Botonklotz abermals wackeln. Verzweifelt schreien die Menschen durcheinander. Doch das Wunder geschieht, der Bunker steht mitten im Flammenmeer wie ein Turm in der Schlacht. Aber Hitze und Rauch dringen durch die kleinen Öffnungen, der lebensnotwendige Sauerstoff wird schon verdächtig knapp.

Viele machen schlapp, sie fallen der Länge nach auf den harten Zementboden. Einige Besonnene zünden Talglichter an, die karge Flamme sucht flackernd nach Nahrung. Frische Luft, sonst ersticken wir! Mir kommt der Gedanke: Wenn wir diesen Schlag heil überstehen, dann muss es auch eine Rettung aus dem steinernen Gefängnis geben.

Wie stehen die Dinge draußen? Niemand kann etwas darüber sagen. Beide eisernen Bunkertüren haben sich verzogen, nachdem sie in den turbulenten Stunden vorher rot aufglühten. Bei dem Versuch, den unterirdischen Notausstieg zu benutzen, bleibt es. Er ist völlig mit Steintrümmern bedeckt. Mit vereinten Kräften und Brechstangen gehen wir gemeinsam ans Werk. Nach mehreren Gewaltstößen ist der Weg endlich frei.

Geblendet von einer rotglühenden Helligkeit reißen wir die Arme hoch, um mit den Händen die Augen zu schützen. Entsetzt prallen wir ein paar Schritte zurück, nachdem schlagartig eine Heißluftwelle in den Bunker dringt. Nur ganz langsam gewöhnen wir uns an die Situation. Allmählich erkenne ich Einzelheiten. Direkt vor dem Eingang liegt eine Anzahl halbverkohlter Leichen. Diese Leute haben ihre Verzögerung mit dem Leben bezahlt. Ganz in der Nähe befand sich das Lager eines Produktenhändlers, dessen brennbare Stoffe jetzt nur noch eine Glutmasse bilden.

Mein Blick wandert in die weitere Umgebung. Ist es denn die Möglichkeit? Alle Häuser verschwunden! Brennende Fassaden und weißglühende Steintrümmer verursachen einen schmerzhaften Eindruck. Wir haben im Moment nicht die geringste Ahnung, welchen Umfang die Katastrophe genommen hat, die sich aber bald in ihren vollen Ausmaßen offenbaren wird."