Operation Gomorrha

Der Osten im Flammenmeer

"Das Phosphor aus den Bomben war ja auch ein widerliches Zeug. Das brannte und brannte, und man wurde es nicht mehr los", erinnert sich Augenzeugin Ursula Durbahn.

Voralarm. Alarm. Ab in den Keller. Warten. Vielleicht ein paar Flugzeuggeräusche. Entwarnung. Zurück ins Bett. Dieses Procedere haben fast alle Hamburger bis zum Sommer 1943 etliche Male mitgemacht. Auch Ursula Durbahn, die damals noch Hinrichs hieß und mit ihrer Familie in der Horst-Wessel-Straße 51 (heute Sievekingdamm) in Hamm wohnte. "Wir waren schon öfter im Keller. Man hörte dann die Flugzeuge, aber meist sind sie weitergeflogen." In der Nacht zum 28. Juli flogen sie nicht weiter. Ihr Ziel hieß Hamm. Und Hammerbrook. Und Barmbek. Und Wandsbek. Der ganze Osten Hamburgs sollte zerstört werden. Seltsamerweise erzählen viele Menschen, die zunächst fast schon routiniert Schutz gesucht hatten, dass sie an diesem Abend so etwas wie eine Ahnung beschlich, dass es dieses Mal anders werden würde. Viel schlimmer. "Im Keller haben wir einen Windzug gespürt, das war furchtbar", erinnert sich Ursula Durbahn, damals 18 Jahre alt. "Kommt, lasst uns lieber in den Bunker gehen", sagte sie zu ihrer Mutter und zur Großmutter. Ein Entschluss, der ihnen das Leben rettete. Andere, die sich später entschieden, starben qualvoll. "Der Asphalt war so weich, dass viele Menschen darin steckengeblieben sind", hat die junge Frau beobachtet. "Das Phosphor aus den Bomben war ja auch ein widerliches Zeug. Das brannte und brannte, und man wurde es nicht mehr los." Doch Ursula Durbahn, die Mutter und die Großmutter schafften es bis in den Bunker. "Der war schon sehr voll, wir mussten ganz nach oben", berichtet sie. "Zunächst blieb es ruhig. Doch plötzlich ging es los. Ein Gesumme und Gebrumme. Das ist ganz schwer zu beschreiben, es kam ja alles zusammen. Das Licht fiel aus, dazu die Hitze. Die Lippen wurden trocken, weil es kein Wasser mehr gab." Einige Männer kurbelten an einer Maschine, die Luft in den Bunker pumpen sollte. "Aber es kam keine frische Luft mehr. Draußen brannte ja alles", so Ursula Durbahn. "Ich habe völlig das Zeitgefühl verloren. Irgendwann hieß es: Wir müssen raus, es ist Mittag." Das entsprach wohl der Uhrzeit. Aber was die junge Frau draußen sah, war kein Tageslicht, sondern eine verrußte Nacht: "Es war total dunkel. Nur beißender Rauch, Qualm und Funkenflug. Sogar die Straße brannte. An den Geruch erinnere ich mich heute noch, wenn ich Feuer sehe." Das Allerschlimmste, die furchtbar zugerichteten Toten in den Straßen, musste Ursula Durbahn aber nicht mitansehen: "Davon blieb ich zum Glück verschont." Vor dem Bunker warteten die entkräfteten Überlebenden darauf, aus der Stadt gebracht zu werden. Schließlich kam ein Lkw, der die 18-Jährige und ihre Verwandten über die Sievekingsallee in Richtung A 1 brachte. "Da habe ich zum ersten Mal gesehen, dass es schon Tag war." Doch die Freude währte nicht lange: Amerikanische Bomber flogen einen Tagangriff und beschossen den Lkw. "Wir haben unter dem Fahrzeug Schutz gesucht. Zum Glück wurde niemand getroffen." Ursula Durbahn und ihre Verwandten überlebten das Inferno von Hamburg. Ihre Heimat hingegen wurde total zerstört: "Ein paar Tage später bin ich mit meiner Mutter noch mal zu dem Haus gegangen, wo wir gewohnt hatten. Aber wir sind gar nicht herangekommen, es war immer noch glühend heiß." Heute lebt die 78-Jährige mit ihrem Mann Günther in Eißendorf. Der damals 19-Jährige lag zur Zeit der Angriffe als Soldat vor Leningrad. Er meint: "Im Vergleich zu den Hamburgern hatten wir es an der Front ja fast noch gut." Dort war "nur" Krieg. Hamburg im Juli 1943 hingegen war die Hölle. Für Ursula Durbahn ist klar, dass die Briten mit ihren Flächenbombardements nicht zufällig die Zivilbevölkerung terrorisiert hatten. "Das war ein reines Wohngebiet, die wussten, was sie taten." Dennoch sieht sie auch Ursache und Wirkung: Mit Blick auf eine Broschüre des Stadtteilarchivs Hamm zum Thema Bombenkrieg sagt sie: "Ich finde es gut, dass da zunächst erklärt wird, wie es in London aussah. Wir haben das den Engländern ja auch angetan." Nur eines versteht die 78-Jährige absolut nicht: "Als das damals vorbei war, dachte ich: Nie mehr Krieg. Das machen die nie wieder. Aber es wurde nichts daraus gelernt. Das ist das Schlimmste." (HAN, 24.07.2003)