Was macht eigentlich?

Der Retter der Nordsee

Er war der erste Kämpfer gegen die Verklappung und der letzte Bewohner von Altenwerder. Heinz Oestmann.

Finkenwerder. Grau ist er geworden. Und von den üppigen Locken früherer Jahre ist nichts mehr zu sehen: Das Leben auf See und in der Politik, der Kampf gegen Wind und Wellen, aber auch um Altenwerder haben tiefe Spuren bei Heinz Oestmann hinterlassen. Einst war er der Schrecken von Bürgermeister Henning Voscherau und Co., heute steht er in seinem Restaurant am Neßpriel in Finkenwerder hinter dem Zapfhahn oder beantwortet in seiner Küche geduldig die Fragen der Presse Fragen wie "Was macht eigentlich . . . Heinz Oestmann?" Seine Antwort: "Ich mach' erstmal weiter."

Oestmann, ein Wegbereiter der ökologischen Bewegung, ist am vergangenen Sonntag 59 Jahre alt geworden. Seit drei Jahren könnte er schon Seemannsrente beziehen, doch darauf verzichtet er bislang, denn dann müsste die neunte Generation der Fischerfamilie Oestmann Sohn Thees einen Mann einstellen. Und dazu reicht das Einkommen nicht, das ein Fischereibetrieb dieser Größe im Kampf gegen die Quoten heute erzielen kann.

Doch der Reihe nach: Erstmals von sich reden machte Heinz Oestmann im August 1978. Begleitet von Rechtsanwalt Michael Günther machte er Jagd auf einen "Verklappungsdampfer", wie er heute sagt. "Wir hatten Glück und trafen in der Nordsee auf so ein Schiff. Die See war gelb. Alles Dünnsäure. Zufällig lagen bei den Behörden 14 Anträge auf Verlängerung der Verklappungsgenehmigung nach dem Hohe-See-Einbringungsgesetz vor. Wir legten Widerspruch ein bis auf zwei wurden alle Anträge zurückgezogen. Da hatten sie plötzlich Muffe."

Oestmann erinnert sich an die Terminologie jener Tage: "Zum Beispiel Buchstaben-Säure: Da war von A bis Z alles drin! Verklappt wurden in der Nordsee auch Reste der Shampoo-Produktion ebenso wie abgelaufene Lebensmittel aus Bundeswehrbeständen und Schlachtabfälle. Im Dezember berichtete dann ,Monitor' da war ich der erste, der bundesweit einen kranken Fisch aus der Nordsee zeigte." Die Bilder von Schollen mit offenen Wunden und Aalen mit Blumenkohlgeschwüren erschütterten die Nation und den Handel, denn auf solche Fische hatte niemand Appetit. Das war der Anfang vom Ende der Verklappung. Und der Beginn einer Öko-Karriere, die sich der aufgebrachte Oestmann so wohl selbst nicht ausgemalt hätte. Doch der Fischer aus Altenwerder hatte ein breites Kreuz. Er hielt den Anfeindungen aus dem Handel und aus der Kollegenschaft stand.

Die zweite Front, an der Oestmann wenige Jahre später auftauchte, war sein Heimatdorf Altenwerder: Hier plante der Hamburger Senat die Hafenerweiterung, konkret: den Containerterminal Altenwerder. Nach und nach wurden die Menschen umgesiedelt. Der Druck war zeitweise immens, doch kaum jemand wagte es, sich mit dem Staat anzulegen. Anfang der 90er-Jahre ging es in die heiße Phase. Zu diesem Zeitpunkt gehörten Heinz und Renate Oestmann mit ihren vier Kindern zu den letzten Bewohnern des Elbdorfs. Renate Oestmann, sie starb 2000, war es auch, die bei einer der letzten Demos vor Ort für den HAN-Reporter wb kurzerhand die fensterlose Toilette zur Dunkelkammer umfunktionierte, weil ein Filmriss das Öffnen der Kamera nötig machte. Ein Kind wurde vor der Tür aufgestellt und hielt Wache, damit kein Lichteinfall das Fotomaterial vernichtete.

Der Verlust der Nachbarn, die bereits in den 70er-Jahren sukzessive ihre Häuser geräumt hatten, war für Oestmann kein Problem: "Wieso? Da war endlich Ruhe. Die hätten ja nicht gehen müssen. Aber der Staat hat sie ja auch erpresst. Die Leute wurden permanent psychologisch unter Druck gesetzt." Gegen derartige Methoden war Oestmann weitgehend resistent. Er blieb bis 1998: "Ich war der Letzte!"

Als die ultimative Schlacht vor Gericht geschlagen war und der streitbare Fischer 1997 absehbar die Segel streichen musste, verhandelte er mit dem damaligen Wirtschaftssenator Erhard Rittershaus (» 2006) persönlich und suchte sich schließlich ein Grundstück am Neßpriel aus. Dort baute er für sich und seine Familie ein Haus und ein großes Restaurant: "Oestmann's Fischerhuus" Fisch nach Saison.

Oestmann kam mit seinem Kutter "Nordstern" am 14. Juni 1998 von See und fuhr direkt zum Neßpriel in das neue Haus. Gestartet war er in Altenwerder, zurückgekehrt ist er nur noch einmal: "Das war auch 1998. Ich suchte dort, wo mein Elternhaus gestanden hatte, nach Pfahlgründungen, denn bei Häusern auf Pfählen war die Entschädigung höher. Gefunden habe ich nichts." Und: "Das war für mich damals schon wie eine fremde Welt. Trauer? Nein! Als die beiden Kastanien in der Krümme gefällt worden waren, war mir klar, dass es vorbei sein würde. Komisch: Ich habe 48 Jahre lang in Altenwerder gelebt, meine Kindheit dort verbracht. Aber ich habe seitdem nicht einmal von Altenwerder geträumt."

Und heute? Die Fischerei ist ein schwieriges Geschäft geworden. Die Stint-Saison hat vor wenigen Tagen begonnen. Vater und Sohn sind je nach Wetterlage von nun an auf der Unterelbe unterwegs und fangen Stint auf Bestellung. Für Händler und Restaurants, auch das eigene. Oestmann, der nach einem Betriebsunfall vor vielen Jahren auch mit gesundheitlichen Spätfolgen zu kämpfen hat, schwärmt von den alten Zeiten. Damals konnte man noch an die 40 Tonnen Fisch im Jahr fangen. Allein auf der Elbe waren 15 Kutter gemeldet, von denen zwei Hamburg belieferten.

Heute regelt die Fangquote für jede Fischart, wieviel ins Netz gehen darf: In diesem Jahr sind das gerademal 1,1 Tonnen Dorsch, 6,7 Tonnen Scholle, zehn Tonnen Kaisergranat (wird nie erreicht) und natürlich der Beifang. Oestmann: "Das ist viel zu wenig! Davon kann man nicht leben." Seine Antwort lautet: Direktverkauf ab Kutter immer sonnabends von 6 bis 9 Uhr am Rüschkanal. Die Saison startet im Mai und dauert bis Mitte Oktober. Dann gehen Heinz und Thees Oestmann "nach See". Auf Scholle, Butt und Kabeljau. Das Restaurant ("Internet? Haben wir nicht. Ich sag immer: Wir haben Fischer-Net, aber das versteht auch nicht jeder . . .") wird von Tochter Gesche geführt. Was die Zukunft bringt, weiß Oestmann nicht: "Das ist schlecht zu sagen. Ich mach' erstmal weiter!"