Was macht eigentlich?
Pandemie - und keiner wird krank
Hysterie, Aktionismus und Fehlkalkulationen, Impfdebatte und Zwei-Klassen-Medizin: Die Schweinegrippe hat uns monatelang beschäftigt.
Harburg/Winsen. Hysterie, Aktionismus und Fehlkalkulationen, Impfdebatte und Zwei-Klassen-Medizin: Die Schweinegrippe hat uns monatelang beschäftigt - aber ganz anders als erwartet.
Auftakt
Am 27. April 2009 Jahres berichteten die HAN erstmals über Grippetote in Mexiko und den USA. Da einige der Opfer angeblich in primitiven Verhältnissen – das Vieh gleich neben den Wohnräumen – gelebt haben sollen, war schnell ein Name für die neuartige Grippe, die vor allem jüngere Menschen befiel, gefunden: Schweinegrippe. Nur kurz glaubten wir in Europa, das Problem tangiere uns nicht, dann verbreitete sich die Panik vor der Schweinegrippe (Experten sagten lieber „Neue Grippe“) schneller aus als das Virus selbst.
Verbreitung
Das Virus kam – nach Europa, nach Deutschland, nach Harburg Stadt und Land. Bilder von Menschen mit Mundschutz gingen um die Welt, Heimkehrer aus Übersee kamen und Quarantäne – doch sich die Schweinegrippe ließ sich nicht aufhalten – vor allem nicht in den Medien. Ängste wurden geschürt, auf dem Höhepunkt der Hysterie ließ die Bild-Zeitung einen Experten vor 35 000 Toten in Deutschland warnen. Spiegel online ermittelte später, dieser Experte habe zugegeben, Geld von den Pharmakonzernen Glaxo-Smith-Kline und Novartis erhalten zu haben. Jenen Firmen, die den Impfstoff herstellten.
Impfkampagne
Die Bundesregierung beschloss, die Bevölkerung zu impfen. 50 Millionen Dosen des eigens für die Schweinegrippe entwickelten Impfstoffs wurden bestellt. Es folgten Debatten um „Risikogruppen“, die vordringlich geimpft werden sollten, Impfstoffe mit und ohne Wirkungsverstärker und über Patienten erster und zweiter Klasse. Impfgegner warnten vor Nebenwirkungen des Serums, die weit schlimmer sein würden als die eigentliche Grippeerkrankung.
Fazit
Die Verunsicherung war schließlich so groß, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung nicht impfen ließ. Und trotzdem nicht krank wurde. Die Schweinegrippe ist heute kein Thema mehr. Wenn derzeit jemand niest, ist eher von Heuschnupfen auszugehen. Übrig bleiben Millionen von ungenutzten Impfdosen. Mehr als 400 Millionen Euro sollte die Aktion ursprünglich kosten, inzwischen bestehen die Hersteller nicht mehr auf Abnahme aller 50 Millionen bestellten Dosen, sondern nur auf 34 Millionen. Laut Medienberichten will die Bundesregierung Impfstoff an andere Länder verkaufen.
Die Bilanz aus Harburg Stadt und Land
Erkrankungen: Im Bezirk Harburg hat es seit Ausbruch der Grippe vor einem Jahr 807, im Landkreis 484 Erkrankte gegeben. Der letzte Fall war am 11. Januar in Harburg, am 11. März im Landkreis registriert worden. Niemand in Harburg Stadt und Land ist an der „Neuen Grippe“ gestorben. Während die Behörden anfangs die Krankheitsfälle erfassten, wurden spätere Fälle oft nicht einmal mehr durch einen Test bestätigt. Wie der Bezirk Harburg mitteilt, wurde zuletzt auch nicht mehr zwischen Neuer und Saisonaler Grippe unterschieden. Im Landkreis gab es zuletzt nur Stichproben in ausgewählten Praxen.
Impfungen: Im Harburger Gesundheitsamt haben sich 3390 Menschen impfen lassen. In Niedersachsen spricht das Sozialministerium von acht Prozent der Bevölkerung.
Prognosen: Wie Jürgen Albrecht vom Gesundheitsamt des Landkreises Harburg mitteilt, hält die WHO noch die Pandemiestufe 6 aufrecht, „um die Verbreitung des Virus auf der Südhalbkugel zu beobachten“. Es könne nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass es keine weitere Grippewelle geben wird. Das Gesundheitsamt Harburg gibt weder Prognosen für Grippewellen noch Impfempfehlungen.
Nicht verbrauchter Impfstoff: Wie Thomas Spieker, Sprecher des niedersächsischen Sozialministeriums, mitteilt, können „aus arzneimittelrechtlichen Gründen“ angebrochene Packungen (immerhin Gebinde à 500 Dosen) nicht zurückgenommen werden. Apotheken können sie aber an Ärzte für weitere Impfungen abgeben. Die unangebrochenen Dosen werden bei den sogenannten Pandemie- Impfstoff-Bezugsapotheken gelagert. Die Haltbarkeit liegt – je nach Charge – zwischen August 2010 und November 2011. Über Verkaufsverhandlungen äußert sich das Ministerium nicht, da diese noch nicht zu „rechtswirksamen Ergebnissen“ geführt hätten. Ergänzend dazu teilt die Hamburger Gesundheitsbehörde mit, dass nicht gebrauchter Impfstoff wieder zentral eingelagert werde. Die Länder als Eigentümer entscheiden demnach über den Verkauf nicht gebrauchter Impfdosen . Niedersachsen als derzeitiger Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz führe die Verhandlungen.
