Was maceigentlich?
Neu bauen für den Lebensabend
Nach dem Ausstieg aus der Politik: Ex-Landtags-Vizepräsidentin Ulrike Kuhlo genießt die schönen Dinge des Lebens.
Jesteburg. Dunkelblaue Hose, dunkelblauer Blouson über blau-weiß gestreifter Bluse. Alles ist picobello, alles sitzt perfekt. Vor sich den bilderbuchmäßig aufgeschäumten Cappuccino, blickt Ulrike Kuhlo hellwach und konzentriert durch die schwarz gerandete Brille auf den Bildschirm im Arbeitszimmer ihres weitläufigen Bungalows am grünen Ortsrand von Jesteburg. Sogar im Freizeitlook strahlt sie noch immer etwas aus von dieser unbedingten Diszipliniertheit - gerade so, als werde sie gleich aus dem Stand heraus eine Landtagssitzung eröffnen. Dabei hat sie nur eben ein wenig im Internet genetzwerkt und will gleich noch mit dem Fahrrad los an diesem schönen Frühlingsmorgen.
"Ich bin ein Bewegungsmensch, bei mir muss sich etwas tun", sagt die 60-Jährige und meint damit nicht nur ihre sportlichen Aktivitäten. In der Politik war es ihr am Ende einfach nicht mehr schnell genug gegangen: "Man sitzt sich den Hintern platt und es kommt erschreckend wenig dabei heraus", sagt die diplomierte Volkswirtin, die noch vor drei Jahren als Landtags-Vizepräsidentin eine der höchsten politischen Repräsentantinnen Niedersachsens war. 2008 tat die Jesteburger Liberale dann etwas, was Politiker eher selten tun: Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zog sie sich für viele unerwartet nach nur einer Legislaturperiode in Hannover komplett aus der aktiven Politik zurück.
Während der Jahre im Landtag sei sie ständig unterwegs gewesen, erzählt die Freidemokratin. Für Privates, für ihren Mann, den Medienunternehmer Karl-Ulrich Kuhlo, der ebenfalls viel unterwegs ist, und die inzwischen erwachsenen Kinder, blieb kaum noch Zeit. Der Einsicht folgend, "dass das Leben befristet ist", zog sie 2008 die Bremse. Ihren Posten als Vize-Samtgemeindebürgermeisterin in Jesteburg hatte sie bereits aufgegeben, als sie der Landtag zuviel Zeit zu kosten begann. "Ich habe 15 Jahre intensiv Politik gemacht", sagt Kuhlo. Diese Lebensphase ist für sie abschlossen.
Und heute? "Heute habe ich Zeit für die schönen Dinge des Lebens", sagt Kuhlo. Sie weiß, dass es ein Privileg ist, ihr Leben ohne wirtschaftliche Zwänge und Fremdbestimmung so gestalten zu können wie sie es will, und sie tut es mit Genuss: "Ich kann mir jetzt selber aussuchen, mit wem ich wann worüber sprechen will", sagt sie, und will das am liebsten gleich wieder zurücknehmen, weil es ein bisschen überheblich klingen könnte. "Ich genieße es, wieder Lesen zu können, was ich will und ich arbeite an meinem Golf-Handicap."
Ganz ins Privatleben zurückgezogen hat sie sich dennoch nicht. Die Medienpolitik, die schon im Landtag ihr Thema war, ist es auch heute noch. Als Vertreterin der Niedersachsen-FDP sitzt sie in der Versammlung der Landesmedienanstalt. Rund 20 Sitzungen im Jahr fallen da an: "Das habe ich mir selber ausgesucht, dass ich das weitermachen will", sagt sie.
Vor Ort engagiert sie sich als Coach beim Landkreis-Projekt "My Life", das jungen Leuten hilft, den Sprung von der Schule ins Berufsleben besser hinzukriegen. Auch die Politik verfolgt sie nach wie vor - wenn auch oft mit ein wenig Sorge um die Demokratie: "Ich mache mir schon ein bisschen Gedanken wenn ich sehe, was Politik den Menschen noch bedeutet", sagt die überzeugte Liberale.
Ansonsten rüstet sie sich aktiv für die nächste Lebensphase: "Die ist, jetzt zu gucken: Wie wird man denn alt?" Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie darauf bereits eine Antwort gefunden. Auf dem eigenen Gelände neben ihrem jetzigen Wohnhaus, einem Energie fressenden Architektenbau aus den 60er-Jahren, wollen sich Kuhlos ein auf ihre Bedürfnisse maßgeschneidertes Null-Energiehaus bauen: "Für uns, und um in der Energiediskussion das Richtige zu machen." Noch in diesem Jahr soll es losgehen. Zwar hat das Ehepaar auch auf Mallorca ein Haus gemietet. Ihren Lebensabend möchte sie aber nicht dort, sondern in Jesteburg im heimischen Kultur- und Freundeskreis verbringen, erzählt Kuhlo und blickt von ihrer Terrasse hinüber ins Grüne, wo bald ihr Altersruhesitz entstehen soll: "Es macht Spaß, sowas noch einmal neu zu gestalten."
