Stiefmütterchen

Violette und gelbe Schönheiten am Wegesrand

Über einer Novelle des norddeutschen Schriftstellers und Dichters Theodor Storm ist ihr wissenschaftlicher Name verewigt: "Viola tricolor" (zu Deutsch: Stiefmütterchen). Es ist die anrührende Geschichte von einem Witwer, der sich wieder verheiratet, und dessen junge Frau nun Stiefmutter seiner kleinen Tochter aus erster Ehe wird.
Viola tricolor

Auf einem unbearbeiteten Acker unweit der Einsatzleitzentrale Winsen gefunden und fotografiert: Viola tricolor, das Wilde Stiefmütterchen.

Doch an dieser Stelle sollen weder der große Husumer Storm (1817-1888) noch seine Novellen vorgestellt werden, sondern die zarte Wildblume, die Botaniker als Viola tricolor kennen. Wer das Wilde Stiefmütterchen in der heimischen Flora entdecken möchte, muss etwas intensiver nach ihr Ausschau halten, weil sie recht zierlich daherkommt. Ihre blauvioletten und gelben Blüten sind knapp einen Zentimeter groß, und die Stängel der Blume werden - je nach Umgebung - zwischen zehn und 25, selten auch bis zu 40 Zentimeter lang. Daher wird sie auch leicht übersehen und mit Füßen getreten. Das ist allerdings absolut ungerechtfertigt, denn das Stiefmütterchen zählt mit seinen intensiven Farben, seinen ungewöhnlich angeordneten Blütenblättern und seinem strahlenden Gesichtsausdruck zweifelsohne zu den schönsten Töchtern von Mutter Natur und wird deshalb anderenorts auch Schöngesicht genannt.

Viola tricolor fühlt sich an Wegrändern wohl, gedeiht aber auch auf (möglichst brach liegenden) Äckern und auf Schutthalden. Diese Vorliebe teilt das Wilde Stiefmütterchen mit seiner Schwester, dem noch kleineren Acker-Stiefmütterchen, das sich unter anderem in der Farbe unterscheidet: Das Acker-Stiefmütterchen, Viola arvensis, hat cremefarbene, gelegentlich leicht ins Violette gehende Blüten und wird nur wenige Zentimeter groß.

Das Wilde Stiefmütterchen ist seit vielen Jahrhunderten als Heilpflanze bekannt, ob allerdings jede Art der empfohlenen Anwendung auch wirkte, ist nicht immer überliefert. So soll zum Beispiel der römische Gelehrte Plinius der Ältere im ersten Jahrhundert nach Christus das Tragen eines Veilchenkranzes empfohlen haben, um Kopfschmerzen zu vertreiben, während aus Feldstiefmütterchen ein Liebestrank gebraut wurde. Auch hier ist nicht überliefert, ob und inwiefern er wirkte.

In der heutigen Volksheilkunde ist das Wilde Stiefmütterchen vor allem bekannt als Mittel (vornehmlich Tee) bei vielen Hautleiden. Außerdem wird es - vor allem in der Kinderheilkunde - als Schleim lösendes Hustenmittel eingesetzt und zur Stimulierung des Kreislauf- und Immunsystems. Viola tricolor enthält Flavonoide und weist einen hohen Saponingehalt auf. Wegen dieser Eigenschaft muss die Pflanze als Heilmittel vorsichtig eingesetzt werden, denn Saponine reinigen den Körper von innen, während Flavonoide den Stoffwechsel ankurbeln. Eine Saponin-Überdosierung kann zu Übelkeit und Erbrechen führen.

Weitere Artikel der Serie