Migrantenserie
Von Poona nach Harburg
Sie wollte etwas von der Welt sehen und dabei vor allem Indien kennen lernen. Das tat sie Anfang der 80er-Jahre auch - und traf dort ihren späteren Mann, Parveen Duggal. Sieben Jahre blieb die Schwäbin Isolde Duggal im Heimatland ihres Mannes.
Harburg. In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre entschied sich das Ehepaar dafür, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen. Die Wahl fiel auf Harburg.
Die Duggals waren überzeugt von gesunden Nahrungsmitteln und Produkten - ein Thema, das, anders als heute, damals noch keine große Rolle spielte - und wollten deshalb ein Reformhaus übernehmen. Einzige Bedingung: "Es sollte zwei Leute ernähren können." Sie entschieden sich für Hamburgs Süden und übernahmen am 1. Juli 1997 das Harburger Reformhaus Fellisch in der Hölertwiete. Den Schritt hat das Ehepaar Duggal nicht bereut - obgleich die Ausgangssituation damals günstiger war. "Der Markt für gesunde Ernährung ist heute härter umkämpft", sagt Parveen Duggal.
Er kannte Deutschland schon bevor er sich hier mit seiner Frau für immer niederließ: "Ich studierte ab 1978 BWL (Betriebswirtschaftslehre) an der Berliner TU", erzählt er. Nach dem Studium kehrte er zurück nach Indien. In Poona (Pune) kam es zu der schicksalhaften Begegnung mit seiner späteren Frau. Er war, wie sich die Schwäbin lächelnd erinnert, "weit und breit der einzige Mensch, der Deutsch konnte". Beide verbrachten viel Zeit zusammen, und aus der anfänglichen Freundschaft wurde Liebe. Sie heirateten und lebten zunächst in Indien.
Vor der Übernahme des Reformhauses Fellisch in der Harburger Innenstadt bereiteten sich Isolde und Parveen Duggal intensiv auf ihre Aufgabe vor: Sie besuchte die Reformhaus-Akademie, er ein Existenzgründerseminar. Über die Schulung seiner Frau und ihre vorübergehende Tätigkeit in einem Münchner Reformhaus lernte auch er die gesunden Produkte genau kennen.
Als beide hinreichend auf den Start in die Selbstständigkeit vorbereitet waren, begann die Suche nach einem geeigneten Objekt. "Nach Berlin wären wir auch gern gegangen", räumt Isolde Duggal ein. Dass es Harburg wurde, lag an ihrer Begeisterung für Hamburg und daran, dass sie in den 80-er Jahren schon einmal im Stadtteil Eppendorf gewohnt hatte. "Wir mögen beide die Hamburger Art." Die Eingewöhnung sei ihr deshalb nicht schwer gefallen, versichert die Schwäbin. Ihm erging es ähnlich, wie er sagt: "Ich fühlte mich hier in Harburg von Anfang an wohl." Als weiterer Pluspunkt erwies sich für das Ehepaar Duggal die Tatsache, dass es mit dem Reformhaus Fellisch auch eine Stammkundschaft übernehmen konnte: "Wir brauchten nicht ganz bei Null anzufangen." Als Diät- und Ernährungsberaterin kann Isolde Duggal zum Beispiel wertvolle Tipps bei Milcheiweiß- oder Gluten-Allergien geben: "Für ein Fachgeschäft mit Nischenprodukten wie dem unseren ist das wichtig."
Das deutsch-indische Ehepaar propagiert gesunde Ernährung nicht nur, es lebt auch selber nach diesem Prinzip. Beide sind sportlich, kommen aber, wie sie schweren Herzens einräumen müssen, viel zu selten dazu, Sport zu treiben. Parveen Duggal hat dafür eine durch und durch deutsche Erklärung: "Selbstständig bedeutet selbst und ständig", sagt er schmunzelnd und gibt zu, dass für ihn in der verbleibenden kargen Freizeit und an dem einzigen für beide wirklich freien Tag in der Woche, dem Sonntag, "endlich mal ausschlafen" das Wichtigste geworden sei. Aus seiner Heimat Indien hat Parveen Duggal zudem die Entspannungstechnik Yoga mit nach Deutschland gebracht: "Das mache ich auch hier jeden Morgen - egal, wie früh es ist." Zweimal in der Woche wird es für den 55-Jährigen extrem früh. Dann fährt er zum Großmarkt, um Obst und Gemüse zu holen: "Manchmal geht es schon um 4 Uhr los."
Seine Frau hält sich durch Joggen fit. Das sei ein wichtiger Ausgleich zur Berufstätigkeit, betont sie: "Früher lief ich Marathon. Leider reicht heute die Zeit für das notwendige Training nicht mehr aus."
Nach ihren Zukunftsperspektiven befragt, antworten beide wie aus der Pistole geschossen: "Wir hoffen auf eine stabile Wirtschaft und darauf, dass wir lange gesund bleiben."
