Steinhage-Siebturm

Sprengung mit "kleinen" Hindernissen

Wie eine riesige Fackel ist der Steinhage-Siebturm in Ashausen am Mittwochabend in Flammen aufgegangen. Zuvor hatte der Turm - wie berichtet - zwei Sprengungen standgehalten. Der durch die zweite Detonation ausgelöste Brand hatte einen Großeinsatz der Feuerwehren aus Stelle, Ashausen, Winsen und Luhdorf zur Folge. 100 Einsatzkräfte unter Leitung von Stelles Gemeindebrandmeister Stephan Martens verhinderten, dass sich das Feuer auf eine Lagerhalle und ein Wäldchen ausbreitete.
Steinhage-Siebturm

Am Morgen nach dem "warmen Abriss" des Steinhage-Siebturmes begutachtet der Bürtgermeister der Gemeinde Stelle, Joachim Wilcke, die Brandruine. Um ein Übergreifen der Flammen auf benachbarte Gebäude zu verhindern, hatte die Feuerwehr auch Löschschaum eingesetzt.

Ashausen. Um 20 Uhr stürzte der rund 25 Meter hohe Turm krachend ein. Das von Hunderten Schaulustigen verfolgte Spektakel ist der Schlusspunkt unter einen jahrelangen Streit zwischen Erhaltungs- und Abrissbefürwortern in der Gemeinde Stelle. Für die einen war der 1935 gebaute Steinhage-Siebturm ein Wahrzeichen und einzigartiges Industriedenkmal, für die anderen gefährlicher Schrott, dessen Unterhaltung die Gemeinde viel Geld koste.

2002 hatte das Landesamt für Denkmalpflege den Turm zwar als "herausragendes technisches Kulturdenkmal" eingestuft, jedoch nur vorläufig unter Schutz gestellt. Ein Gutachter bezifferte damals die Kosten für eine komplette Sanierung des Turms auf rund 500 000 Mark. Nun musste der Steinhage-Siebturm weichen, weil auf dem Gelände des ehemaligen Kieswerks ein Neubaugebiet mit 35 Wohneinheiten entstehen soll.

"Das Bild des lodernden Turms hat sich vielen Bürgern ins Gedächtnis gebrannt. Es bleibt das Fanal gegen den frevelhaften Abriss eines einzigartigen Kulturdenkmals", sagt SPD-Ratsherr Jürgen Neubauer. Der 73-jährige Kommunalpolitiker hatte jahrelang für den Erhalt des Siebturms in Ashausen gekämpft.

"Bürgermeister Joachim Wilcke wollte seit Jahren, dass der Turm wegkommt. Er ist für diese bedauerliche Entwicklung verantwortlich", sagt Neubauer. Die Tatsache, dass der Turm zwei Sprengungen standhielt, widerlege die Behauptung, die Holzkonstruktion sei marode. "Der Turm war extrem solide und stabil gebaut. Er musste enormen Kräften standhalten, die durch das Schwingen der Siebe entstehen", bestätigt der 82-jährige Walter Schmidt. Von 1945 bis 1984 hatte Schmidt als Maschinist und Baggerfahrer für die Firma Steinhage gearbeitet.

Jahrelang hatte seine Familie in Sichtweite des Siebturms gewohnt. Der Siebturm des ehemaligen Kieswerks von Heinrich Steinhage in Ashausen wurde 1935 errichtet, auch um besonders reinen Sand für die Produktion von Kalksandsteinen zu gewinnen. 1976 wurde die Anlage stillgelegt. Danach wurde die imposante Holzkonstruktion nicht mehr gepflegt. "Früher haben wir hier pro Tag durchschnittlich 800 Tonnen Kies gesiebt. Das war eine gewaltige Anlage mit eigenem Gleisanschluss", sagt Schmidt. Die Vorbereitungen für die Sprengung habe er mit Wehmut beobachtet. "Ich wusste, dass der Turm nicht so leicht umfällt", sagt der Rentner. Er sollte Recht behalten.

Das erste Mal knallt es um 13.12 Uhr. Fast zwei Kilogramm Sprengstoff, verteilt auf 13 Sprengladungen, hat Sprengmeister Johann Eggert gezündet. Eigentlich sollte der Turm wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen - doch die auf einem 170-Kubikmeter-Betonfundament errichtete Konstruktion aus 100 Tonnen Stahl und 50 Kubikmetern Holz wankt nicht einmal. "Das war gar nichts. Was für eine Enttäuschung", kommentiert Stelles Bürgermeister Joachim Wilcke den Fehlschlag. "Ich habe ja gleich gesagt, dass das so nichts wird", sagt Schmidt.

Nach der fehlgeschlagenen Sprengung beraten die Experten, wie der Turm doch noch zu Fall gebracht werden könnte. Der Versuch, den "angesprengten" Turm mithilfe eines an einem Unimog befestigten Drahtseils niederzureißen, scheitert. Um 16.15 Uhr wird die Aktion abgebrochen. Nach kurzer Beratung entscheiden die Experten vom Spezialabbruchunternehmen SGW aus Wahlstedt, den Turm durch eine zweite Sprengung nach 19 Uhr zu Fall zu bringen. Schaulustige wollen sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Polizei und Feuerwehr sorgen dafür, dass der Sicherheitsabstand eingehalten wird. Diesmal ist die Sprengladung stärker. Ein mächtiger Knall. Doch der Turm bleibt stehen. Aber die Holzkonstruktion fängt bei der zweiten Sprengung Feuer. Das ausgetrocknete Holz brennt wie Zunder. Flammen schießen in den Himmel. Um 20 Uhr stürzt der Holzturm krachend zusammen.

Infobox

Steinhage-Siebturm

Der bei den Politikern und Bürgern umstrittene Steinhage-Siebturm ist im Jahr 1935 gebaut worden. Er war ein Wahrzeichen und gleichzeitig ein einzigartiges Industrie-Denkmal. Eine ins Auge gefasste Sanierung hätte ungefähr 500 000 Euro verschlungen.